Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1905-06-01 · Heft 6 (Juni 1905) · p. Seite 373 - 374

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 6 (Juni 1905)
Article
Eine jüdische Künstler-Familie
Date
1905-06-01
Page
Seite 373 - 374 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2583931-2583938-2592312--05232-2592399
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

373 374 EINE JUEDISCHE KUENSTLER-FAMILIE. Israel Rouchomovski. Von M. Horo Die russischen Juden sinddasVolk der unterdrückten Talente. Unterdrückt durch das relativ niedrige Niveau der Kultur, die sie umgibt, wird ihre Triebkraft noch durch eine Reihe von sozialen und speziellen Gesetzen künstlich eingeengt. Das Talent, das unter ringt, muss besitzen, um solchen Konditionen nach Entfaltung eben die zähe Energie des Juden die „Macht der Finsternis" zu brechen und ans Licht der Oeffentlichkeit zu gelangen. Dem ringenden Künstler steht hier eine doppelte Aufgabe bevor: Kunstwerke zu schaffen und auch zugleich ein Publikum, das ihn und seine Werke versteht. Oder aber — er flieht die Finsternis, er sucht einen andern Boden, auf dem er besser gedeihen kann, ein anderes Milieu, aus welchem er neues Leben schöpft, und dem er seine Seele einhaucht. Den letzteren Weg ist die jüdische Künstlerfamilie Rouchomovski gegangen. In der kleinen russischen Stadt Mosyr ist das Haupt der Familie, Israel Rouchomovski, im Jahre 1860 geboren. Seine Kindheit verlebte er, wie die meisten jüdischen Kinder, im engen Chederraum, und auch im Jünglingsalter lag er dem Studium des Hebräischen und des Talmuds ob. War doch der Traum seiner Eltern., ihn einst als einen grossen Gelehrten in Israel, als Rabbiner — die höchste Potenz der Gelehrsamkeit — zu sehen. Doch die Neigungen des jungen Rouchomovski waren weniger auf das abstrakte Studium gerichtet. Seine Seele fand keine Befriedigung in dem toten Buchstaben, und es dürstete ihn nach greifbarem Leben, nach Werken, in die er seinen Geist hineinlegen konnte, die seinem Schaffenstrieb Ausdruck verleihen sollten. Er fing an, zu zeichnen und zu schnitzen, und schweren Herzens mussten seine Eltern zusehen, wie er sich immer mehr von der heiligsten Aufgabe, die Lehre Gottes zu ergründen, abwandte und seiner Passion nachging. Aber dischz, Paris. Nachdruck verboten. was sollte er werden? Maler, Bildhauer? Wusste und weiss man doch in vielen kleinen Orten Russlands kaum von der Existenz solcher Berufe, und ist doch das Bilderschnitzen eines der strengsten Verbote. Niemand dachte daran, das Talent des jungen Rouchomovski auszubilden, und so wurde er sein eigener Lehrer und Meister. Die Titelbilder der Talmudfolianten und anderer Bücher waren seine Zeichenvorlagen, und die Schnitzereien der heiligen Lade in der Synagoge seine Modelle. „Ich wusste niemals/ sagte er mir einmal, „wie die Künstler ihre Werke schaffen. Ich glaubte, dass sie gleichsam von einer Art Prophetengeist erfüllt sind, und der tote Lehm unter ihren Fingern Form und Leben annimmt, fast ohne ihre Absicht. Seitdem ich erfuhr, dass sie Modelle vor sich hinstellen und versuchen, dieselben nachzubilden, verstand ich diese Propheten." Rouchomovski wurde Graveur, ohne dieses Fach jemals speziell gelernt zu haben. Bis zum Jahre 1892 lebte er in seiner Vaterstadt Mosyr, viele Arbeiten der Goldschmiedekunst ausführend und immer an seiner künstlerischen Vervollkommnung arbeitend. Er erreichte eine ebensolche Perfektion als Ziseleur wie als Graveur, und seine Arbeiten wurden über die engen Grenzen seiner Vaterstadt hinaus geschätzt. In Odessa erhielt sein ISRAEL ROUCHOMOVSKI. TARIS. Plaquette, Max Nordau gewidmet.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.