Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1905)
- Article
- Die Taufseuche in Wien
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 369 - 370 (sequence 5)
- Language
- German
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369 Die Taufseuche in Wien. 370 zu können — gleichwie sie vordem, in barbarischen Jahrhunderten, ihren grausamen und blutdürstigen Götzen zu demselben Zweck Menschenopfer darbrachten. Aber eben diese Propheten hatten in jahrhundertelangem eisernen Kampfe diesen Wahn entwurzelt. Gott findet keinen Gefallen an geschlachteten Tieren und an rauchendem Fleisch. Eine eiserne Mauer, die zwischen Israel und seinem Vater im Himmel geschieden hatte, fiel, als der Opferaltar verschwand, konstatirt der Talmud. Gott will nur, dass die Menschen sich ihm anschliessen und seine Wege wandeln. Was heisst das, sich Gott anschliessen? lehrten die Weisen Israels. Das heisst, sich seine Attribute zu eigen machen. Gleichwie er barmherzig ist, so sei auch du barmherzig; gleichwie er gerecht ist, so sei auch du gerecht! Suchet Gott, denn er lässt sich rinden, rufet ihn an, denn er ist nahe. Es verlasse der Frevler seinen Weg und der Mann des Unrechtes seine Pläne und kehre zurück zum Ewigen, und er erbarmt sich sein, zu unserm Gott, der unendlich viel vergibt. So wahr ich lebe, spricht unser Herr Gott, will ich denn, dass der Frevler sterbe? Nur dass der Frevler von seinem Wege umkehre und am Leben bleibe! — Das war des alten Gottes alte Methode. Er war ja unser alter Bekannter. Er war der gerechte, züchtigende König — er war der gütige, barmherzige Vater. Und alle Menschen, die sich zu ihm bekannten, waren seine Kinder. Doch urplötzlich soll sich der alte Gott die Sache überlegt haben. Es genügte ihm auf einmal nicht mehr, dass die Menschen ihren Missetaten entsagten und zu ihm zurückkehrten. Er wollte ein blutiges Opfer haben. Er fühlte sich ausserstande, die Menschheit zu erlösen, solange nicht ein Mensch ihm zu Ehren eines qualvollen Todes am Kreuze starb. Aber um der Menschheit zu beweisen, wie sehr er sie im Grunde liebte, sollte dieses Opler sein eigener, sein eingeborener Sohn sein. Ehedem waren alle Menschen seine Kinder — nun hatte er einen eingeborenen Sohn. Und dieser Sohn musste Menschengestalt auf sich nehmen, einen grauenvollen Tod erleiden, um als Opfer zu seinem Vater zurückzukehren. Dann erst war Gottes Zorn besänftigt. Sonst war er kraftlos, die Menschheit zu erlösen. Doch dieser Sohn war mehr als das: er war Gott selber. Der Herrgott hatte den Herrngott dem Herrngott zum Opfer bringen lassen. Eigentlich scheint das Opfer nicht gross. Aber mittlerweile hatte sich eine furchtbare Tragödie abgespielt. Ein unschuldiger Mensch, ja mehr als das, ein Gottmensch, hatte einen martervollen Tod erduldet mit allen seinen Bitternissen und Demütigungen. Aber das musste so sein. Es konnte nicht anders kommen. Es lag im göttlichen Weltenplan. Gottes eingeborener Sohn, empfangen von Maria in unbefleckter Jungfräulichkeit, mussteunter unsäglichen Leiden am Kreuze sterben, sein heiliges Blut musste den Sand der Richtstätte färben, damit sein Vater imstande war, die Menschheit zu erlösen. Sonst wäre die Menschheit in dem Pfuhl der Sünde geblieben, versunken,. Satans Gewalt in alle Ewigkeit verfallen, wäre nimmer der Seligkeit teilhaftig geworden. Er musste also sterben. Und durch wessen Hände musste er sterben? Durch die Hände seiner eigenen Brüder, die das Volk Gottes waren, von ihm selber so genannt wurden. Sie mussten ihn martern und töten — sonst wäre Gott um sein Opfer gekommen und das Menschengeschlecht in alle Ewigkeit verdammt, die Erbsünde würde noch heute die Kinder Adams in ihrem Bann halten! Hätten sie ihn nicht getötet, sie hätten Gottes Erlösungsplan vereitelt. Sie mussten ihn töten — obgleich sie sonst grimmige Gegner der Todesstrafe waren. Es war Gottes Wille. Sie mussten sein Blut auf ihre Häupter laden, den ewigen Fluch der schrecklichen Tat aui die Häupter ihrer Nachkommen bis ans Ende der. Tage. Gott wollte es so. Gott hatte sein Volk zum Henker seines Sohnes gemacht. Du tötest meinen Sohn, und sein Blut erlöse die Welt, du aber bleibst in alle Ewigkeit verdammt — oder du tötest ihn nicht, und ich kann die Welt nicht erlösen, und du bleibst erst recht in alle Ewigkeit verdammt. Das war der Dank Gottes, das war der Lohn Gottes an sein Volk, dafür, dass es ihn zuerst erkannt und geliebt: in tausendjähriger Entsagung auf staatliche Macht und Herrlichkeit verzichtend, sich zu seiner Erkenntnis durchgerungen; den Hass und die Verachtung einer Welt auf sich geladen um ihn zu verkünden; seine Schlachten geschlagen, ihn treu und mutig bekannt, und tausend übermächtigen Feinden zum Trotz sein Gesetz zum Gesetz der Welt erhoben hatte. Er hätte seinen Sohn getrost anderwärts Menschengestalt annehmen lassen können, in den Urwäldern Germaniens, im ewigen Rom — die ja ohnehin auch sein menschlich Teil jetzt lür sich in Anspruch nehmen — aber er wollte just, dass sein Volk in das Blut seines Sohnes die Hände tauche, um noch zweitausend Jahre nachher