Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1905)
- Article
- Die Taufseuche in Wien
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 367 - 368 (sequence 4)
- Language
- German
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367 Die Taufseuche in Wien. 368 noch von der Naturwissenschaft her kommt der Jude zur Taufe. Was ihn dahin führt, das sind Motive, die weder mit dem Glauben noch mit dem Unglauben etwas zu schaffen haben. Und. der Weg dahin führt nicht durch eine in aufrichtigem, energischem Ringen des Geistes erworbene antireligiöse Weltanschauung; noch weniger etwa durch eine Sehnsucht nach einem komplizierteren Glaubenssystem, das an die Vernunft ungleich schwierigere, drückendere Zumutungen stellt, als dies das Judentum in seiner ällerstrengsten Fassung tut. Man muss ein schlechter Psychologe sein, um zu meinen, dass der Menschengeist sich nach Fesseln sehnt. Den Juden führt der Weg zur Taufe durch die traurige Einöde des sogenannten „Freisinns", jener platten und schalen geistigen Bedürfnislosigkeit, die nur das gelten lässt, was sie mit Händen greifen und um Geld kaufen kann; nur an das glaubt, was ihr Gewinnst verspricht oder Angst einjagt. Sie verabscheut jede höhere Anschauung von den Dingen, als müssiges, anstrengendes Spiel, alles Grübeln und Forschen nach einer Synthese ist ihr verhasst; sie schaut mit überlegenem Stumpfsinn auf jede reine Geistesarbeit herab als auf nutzlose Zeitvergeudung. Sie glaubt nicht an Gott, nicht weil sie ihn überwunden hat, sondern weil sie unendlich tief unter ihm steht — aber sie glaubt an den Teufel und an die Zahl Dreizehn. Und mit ihr geht Hand in Hand eine ethische Laszivität, die keinen höheren Trieb anerkennt, als die grobe Genusssucht, und keine Grenze als die Macht des Stärkeren. Sie holt sich aus unserer Kultur, was ihren Komfort steigern, und aus der Kunst, was ihr Sinnenkitzel bereiten kann. Das sind die Geistesmächte, die das Judentum überwunden haben. Aus den Kreisen, wo diese Lebensanschauung herrscht, rekrutieren sich die Abtrünnigen. Der einigeinzige, allmächtige, allgütige Gott Israels ist ihnen zu viel — aber der Vater und der Sohn und der heilige Geist und die Muttergottes und die Legion der Heiligen ist ihnen nicht zu zahlreich. Gestern noch verbot ihnen der Freisinn, an eine göttliche Offenbarung zu glauben, an eine göttliche Führung der Welt, an Lohn und Strafe, an das endliche Kommen des Reiches des Allmächtigen — und heute legen sie das Bekenntnis ab, dass sie glauben „an die Erbsünde" und an „Jesum Christum, Gottes eingeborenen Sohn, unsern Herrn, der empfangen ist vom heiligen Geist, geboren aus Maria, der Jungfrau, gelitten hat unter Pontio Pilato, gekreuziget, gestorben und begraben ist, abgefahren zur Höllen, am dritten Tage wieder auferstanden von den Toten,, aufgefahren zumHimmel, sitzet zur Rechten Gottes, seines allmächtigen Vaters, von wannen er wiederkommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten. . . Man durfte ihnen nicht zumuten, die jüdischen Feste und den jüdischen Ritus zu beobachten : das wäre Aberglauben — aber am Jubiläumstage des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis können sie an den Prozessionen teilnehmen, und dem Papst dürfen sie den Pantoffel küssen. Dagegen bäumt sich ihr ehrenwerter Freisinn nicht auf. Aber das alles sind erst Kleinigkeiten im Vergleiche zu dem Rätsel, welches ein Jude jedem unbefangenen und aufrichtigen Menschen aufgibt, wenn er das Bekenntnis auf das Dogma von der Erlösung ablegt. Dieses Dogma, der Fels, auf dem das Christentum aller Kirchen und Bekenntnisse ruht, mit dem es steht und fällt, hat für den geborenen Christen, der es sozusagen mit der Muttermilch eingesogen hat, in dessen Gedanken- und Gefühlswelt es seit seiner frühesten Jugend verwoben ist, gewiss einen tiefen Sinn, einen so tiefen Sinn freilich, dass ein Aussenstehender ihn nicht zu enträtseln vermag., Wenn aber ein Jude das Bekenntnis ablegt: „Ich glaube an Jesum Christum, welcher mich verlorenen und verdammten Menschen erlöst von allen Sünden, dem Tod und der Gewalt des Satans frei gemacht hat; nicht durch Gold und Silber, sondern durch sein heiliges, teures Blut und sein unschuldiges Leiden und Sterben" — was mag er sich wohl dabei denken? Man vergegenwärtige sich doch den Inhalt dieses Satzes: Jesus Christus, der eingeborene Sohn Gottes, der übrigens in der Dreifaltigkeit mit Gott identisch, ist am Kreuz gestorben, um die Menschheit zu erlösen, ihre Sünden zu sühnen. Gott sah, dass die Menschheit in den Pfuhl der Sünde versunken war und Satans Macht zu verfallen drohte, und er beschloss, sie zu erlösen. Wie aber sollte er dies anstellen? In alten Zeiten — so erzählten uns Juden unsere Vorfahren — sandte er in derartigen Fällen seine Propheten zu den Menschen, die sie mit zornmütigen, drohenden Worten zur Umkehr mahnten, und in sanften, liebevollen Tönen ihnen von Gottes unerschöpflicher Gnade und Langmut erzählten. Ehemals dachten die Menschen freilich, Gottes Zorn durch blutige Tieropfer beschwichtigen und seine Gunst erwerben