Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1905)
- Article
- Die Taufseuche in Wien
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 371 - 372 (sequence 6)
- Language
- German
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371 Die Taufseuche in Wien. 372 dafür gequält und verhöhnt zu werden. Gott wollte es nicht anders. Fürwahr, milder und gerechter kann selbst ein Gott nicht sein. Gewiss, wer als Christ geboren. und erzogen ist, der findet sich mit all diesen jenseits der Logik stehenden Problemen ab. Wie? Ich weiss es nicht! Trotz allen Grübelns und alles angestrengten, heissen Bemühens bin ich sicher, dass mir dies ein ewiges Mysterium bleiben wird, unfasslich sowohl für meine Vernunft als für mein Gewissen. Ich bescheide mich mit Goethe darin, „das Erforschliche zu erforschen und das Unerforschliche ruhig zu verehren". Ich verehre ruhig die aufrichtig christliche Ueberzeugung jener geistig hochstehenden Männer, die dieses und die anderen christlichen Dogmen auf irgend eine geheimnisvolle, unmitteilbare Weise mit den Forderungen ihrer Vernunft in Einklang gebracht. Sind doch jene Sätze vom ganzen System ihrer Glaubenswelt unzertrennlich, mit ihren Familien- und Volkstraditionen eng verwoben, mit tausend zarten und süssen Kindheitserinnerungen verknüpft und in ihrer Unbegreiflichkeit wecken sie bei ihnen ein fernes Echo uralter Erlebnisse und psychologischer Vorgänge. Schliesslich werden sie nie gezwungen, sich des Inhaltes dieser Lehren in ihrer ganzen Ausdehnung bewusst zu werden. Sicherlich können diese Ueberzeugungen nur ererbt und fortgepflanzt, nie aber frisch erworben werden, am allerwenigsten kann man, im reifen Alter stehend, sie seinem Bewusstsein aneignen. Man bedenke nur, wie viele Gewissensqualen das Dogmehgerüst zahlreichen edlen Männern verursacht hat, die christlich geboren und erzogen wurden und schliesslich gezwungen waren, sich gegen ihren Väterglauben aufzulehnen. Und das waren Männer wie Strauss, Feuerbach, Renan, Tolstoi, deren sittlicher Ernst und persönliche Makellosigkeit über allen Zweifel erhaben sind. Und da will man uns einreden, dass ein Jude, dem dieser ganze Seelenkampf erspart geblieben ist, sich urplötzlich bemüssigt sieht, ihn aut sich zu laden — ein Schnapsbrenner auf einmal den unwiderstehlichen Drang verspürt, das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis seinem religiösen Bewusstsein einzuverleiben, ein Musikant die Sehnsucht nicht überwinden kann, sich unter den Schutz der Dreifaltigkeit zu stellen, und ein Tramwaybesitzer keine Ruhe zu finden vermag, bis er nicht durch ein öffentliches ■ Bekenntnis erhärtet, dass ihm das Mysterium des Erlösungsdogmas klar geworden ist? —m—g—. (Schiuss folgt.) ISRAEL ROTTCHOMOVSKI. Deckel eines Miniatur-Sarkophags. PARIS.