Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1905)
- Article
- Am Sabbat-Anfang
- Date
- 1905-05-01
- Page
- Seite 351 - 352 (sequence 2)
- Language
- German
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351 Salo Lewin: Am Sabbat-Anfang. 352 nicht an Gott glauben, sondern nur noch an „Nitsche" und„Schoppenhauer" udcI wie die verrückten Leute alle heissen. Natürlich werden se dann meschugge." „„Die Welt muss sich doch aber entwickeln, Vater. Wir können doch nicht immer auf demselben Punkte stehen bleiben."" PARIS. „Das sogenannteModerne, mein lieber Sohn, ist noch nicht immer das beste. — Und das sag' ich Dir, das merk: Dir: Gott behüte, wer von Gott ALPHONS LEVY. Beim Talmud, Algier, -abfällt!! Der ist verloren! der geht zugrunde!" Wer keine Religion hat, Die Synagogenfenster strahlen in warmem, weissem Lichte wie Kerzen in die Andacht der Natur, die im Garten davor aus tausend Blumen zum Himmel fleht und aus tausend Geigen anbetend zu den Sternen singt. Der Vater küsst beim Eintritt den Pfosten, wäscht sich im glänzenden Metallbecken des Vorraums umständlich die Hände und betet dabei. Endlich tritt er in das Innere, nicht ohne nochmals den Pfosten der inneren Tür zu küssen. Der Sohn geht hinter ihm. Das Haupt hält er gesenkt und er denkt an die Worte, die er eben gelesen: „Jetzo verstehe ich klar, was einst man vor allem suchte, wenn man Lehrer der Tugend suchte. Guten Schlaf suchte man sich und mohnblumige Tugenden dazu." Und wie er rechts und links die ihm bekannten Gesichter und vor sich den Vorbeter sieht, scheint es ihm eine fremde Welt zu sein, der er nicht angehört. Da erfüllt ihn plötzlich der Gedanke des Nichtverstandenseins; er kommt sich wie ein Einsamer und Verlassener, ja wie ein Märtyrer unter den betenden und plaudernden Juden vor. Er denkt an Dornenkronen.--Dass er aber zu allen denen da gehören solle, dass er jetzt gar körperlich unter ihnen weile und von ihnen sogar für einer der ihrigen, der Dogmentreuen erachtet würde, erfüllte ihn mit einem brennenden Schmerz, ein Schmerz, der ihn auch körperlich beengte, ihm den Atem nahm und am Halse würgte. Es stieg wie salzige Galle in ihm auf, und er seufzte. „Mein Sohn, warum dawenst De nicht, man hält schon bei der Schmauneesre?" Er hebt verloren den Kopf, da umbraust es ihn wie ein Meer von rotem Lichte. Oben aber im Frauenchor, hart an der Brüstung, sieht er sie stehen, die er gestern im Konzert zum erstenmal erblickte und von der er nur weiss, dass sie Händler heisst und mit Vornamen Judith. Und sein Auge starrt auf jenes Bild und saugt sich an ihm fest, und seine Gedanken klammern sich daran mit tausend Fühlern. Nur dieses eine Bild!!-- Versunken sein früheres Denken und Fühlen, versunken der Ort, an dem er sich befindet, versunken die Menschen, die ganze Erde, versunken, dahin die ganze Schöpfung, das gaüze grosse Sein, als wären niemals Menschen, niemals Millionen von Wellen und Leben dagewesen! Nur eine grosse, feierliche, tiefe, dunkle Ewigkeit! — — Darin ein einziger leuchtender Punkt. Sein Leben aber ist das einzige, allein vorhandene und bestimmt, ewig nach jenem Punkte zu schauen, der fern an der weiten, dunklen Wölbung des Unendlichen als strahlender Stern leuchtet. Der Stern aber ist ein ovales, marmorweisses Mädchenantlitz, umrahmt von tiefem Schwarz. Dann erblickt er ihre Hände, matte, schlanke, weisse, kühle Marmorhände, an deren einer ein blutroter Stein tief und ernst wie das Auge einer Schlange leuchtet. Da durchströmt ihn, wie ein Rieseln, das seinen Körper durchzieht, der Gedanke: diese Hände müssen einst in Indien Buddha gepflegt und die Blüten leuchtender Lilien und brennender Riesenmohnblumen vom bösen Tau befreit haben. Er möchte, diese Hände auf seinem Scheitel fühlend, vergehen -- Wie sie nach Haus gehen, liegt ALPHONS LEVY. In der Synagoge, Algier.