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Ost und West · 1905-05-01 · Heft 5 (Mai 1905) · p. Seite 349 - 350

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 5 (Mai 1905)
Article
Am Sabbat-Anfang
Date
1905-05-01
Page
Seite 349 - 350 (sequence 1)
Language
German
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349 350 AM SABBAT-ANFANG. Eine Skizze von Am Himmel flammendes Rot, ein Glühen an Dächern und Fenstern. Das Rot wird blasser und blasser und sinkt und sinkt. In der Luft das Zittern stiller Wehmut und das Singen müder Melodien. Aus Winkeln und Ecken kriecht das Dunkel, langsam "wie eine Spinne; ihr Gewebe überzieht die Erde. „Moritz, mein Sohn, mach Schluss! Was lernste noch immer? — Es ist doch schon dunkel, Zeit in Schul zu gehen! Weisst de denn nicht, dass heute Freitag ist? — Mach Schluss und komm!" „„Ach Gott, ja, Vater, ich komme ja schon! Ich komme ja schon!! Dieser ewige Gottesdienstistgeradezu schrecklich. Man opfert seine beste Zeit."" „Mein Sohn, Dein verstorbener Grossvater — Gott hab ihn selig — pflegte zu sagen: „Wem das Beten schwer fällt, dem fällt auch das Leben schwer." — — Was ist da für ein Schweres? Was ist da für ein Opfer? Ist das so ein grosses Opfer, wenn Du eine halbe Stunde in Schul gehst? Ist der liebe Gott so viel nicht wert?--" ,. „Ach, Vater. Ihr quält mich ja unnötig! Wozu darüber reden?? Wir verstehen uns doch nicht."" „Glaub mer, mein Sohn: es kommt für jeden die Zeit, wo er mit dem lieben Gott gut stehen möchte. Dann will er reden und kann nischt, es geht ihm nischt pflegte unser Reb Zadek — sagen? — — ^as Beten, er gesagt — das BRÜCK-: Wie über die Lippen. Gott hab ihn selig — zu Jakobleben — so hat Beten, Jakobleben, das ist das schwerste, das kann ich der nischt lernen. Das musst de erst im Leben lernen, später, wenn de Müh' und Sorgen kommen werden. Da lernt man's von selber. Aaber — so hat er weiter gesagt — ohne Uebung erlernt man's nicht, mein Kind. Darum komm Du nur immer früh in Schul, es wird der nischt schaden. --Und 's hat mer auch — gottlob — nischt geschadet; im Gegenteil: gross und stark bin ich dabei geworden! Aber heutzutage — da fällt's en schon schwer, zu Marew zu gehen. Oi, oi, oi — —-- „„Na, komm, Vater, ich bin so weit."" Salo Lewin. Sie gehen durch die engen Gassen. Aus dem milden Sommerabend klingt es wie verklungene Lust, sehnend singt es aus dem Winde, sanft wie die wunschlose Erinnerung des Alters. „„Vater! — Ich wollte Dich schon immer einmal danach fragen: Warum gehst Du eigentlich mechanisch täglich in die Synagoge? — Ist denn das überhaupt eine Andacht? Ihr betet jeden Tag zur selben Stunde dieselben Gebete: und wie? — Wie mit der Maschine wird doch alles einfach heruntergeleiert. Ich habe so das Gefühl dabei, als ob Ihr bloss plappert, um eben gebetet zu haben; aber Ihr fühlt nichts dabei. Das Herz bleibt stumm und kalt. Warum betet Ihr nicht einfach nach Bedürfnis, wenn es Euch nach dem Gebete verlangt!"" — „Weisst de, mein Sohn, mir darfste so was sagen, leider! — Wenn de meinem alten Vater — Gott hab' ihn selig — so was gesagt hättest, hält' er Dir einen Patsch gegeben, dass de dahin, bis zur andern Ecke geflogen wärst. Und recht hätt' er gehabt! — Als ich einmal Schabbes Minche — ich clenk's noch wie heut — den Perek nicht sagen wollte, da hat er mir vor der ganzen Schul, vor allen Leuten, zwei Ohrfeigen gegeben, dass ich acht Tage genug hatte. Und recht hat er gehabt!--Und recht hat er gehabt!!--Ein andermal, da hab ich en auch so gefragt, wie Du heute: warum man das machen muss, und es konnte doch so sein und so sein, und man brauchte doch das nicht zu tun und jenes wäre überflüssig — ich war damals eben aus der Lehre gekommen und hab mich schon selber ernähren müssen —, da hat er mich bloss angesehen, bloss angesehen, dann aber hat er geschrieen — ich glaubte, das Haus fällt ein —: „Man fragt nischt, man fragt nischt!! — Me tut!" „„Nun ja, früher! — —uu „'S war besser früher, mein Sohn! — Glaub mer! 'S sind nischt so viel Meineide und Konkurse vorgekommen wie heute. Und zu essen haben wer auch gehabt, wenn's auch nicht jeden Tag Fleisch war, und die Menschen sind dabei glücklicher gewesen wie heute. Und zufriedener sind se auch gewesen als heule, wo se RUTH.

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