Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1905)
- Article
- Am Sabbat-Anfang
- Date
- 1905-05-01
- Page
- Seite 353 - 354 (sequence 3)
- Language
- German
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353 Salo Lewin: Am Sabbat-Anfang. 354 ein tiefer Friede über dem Städtchen. Am tiefblauen Himmel ist ein erster Stern erwacht. Beide gehen in tiefen Gedanken, doch jeder weilt in einer anderen Welt. Plötzlich, unvermittelt fragt der Sohn: „Vater, ßast Du jemals in Deinem Leben geliebt?" Da entgegnet der Vater feierlich und eindringlich und seine Stimme erklingt nicht jüdelnd, sondern ernst, wie die eines Propheten: ,,Wie heisst: geliebt? , — Als ich Deine Mutter kennen lernte, haben wir beide nichts gehabt. "Wir haben dann hart kämpfen müssen und haben gelebt und gelitten!" Wie sie ins Zimmer treten, erfüllten sie die Sabbatlichte mit einer grossen Feierlichkeit. Der Vater sagt: „Gut Schabbes." Der Sohn ist den ganzen Abend stumm. — In seiner Stube konnte man aber noch tief in der Nacht die Lampe brennen sehen. AUS DER JÜDISCHEN SAGEN- UND MÄRCHENWELT. Von Bar-Ami. IV.1) Nachdruck verboten. Eine Nacht im Paradiese. J^PP Es fuhr einmal ein armer Mann durch einen tiefen Wald. Er hatte nur einen alten zerbrochenen Wagen und ein armes, kleines Pferdchen, und wie er sich so dahinschleppte, kam der Freitag und es wurde Abend. Da musste er nun stehen bleiben und den Sabbat feiern. Er gab seinem Pferdchen Futter, betete und holte aus dem Sack ein trockenes Stück Schwarzbrot hervor und hielt das erste Sabbatmahl. Dasselbe tat er am Morgen und am Abend des Sabbattages. Und wie er so allein mit seinem Pferdchen im wilden Walde dastand, gedachte er der alten Zeiten, da er noch reich war und den Sabbat ganz anders feierte, als hier auf dem Wagen mit einer Krume Schwarzbrot. Da sass er mit Frau und Kindern und hatte zahlreiche Gäste bei Tische, und sie sangen die schönen Sabbatlieder, wie es Gott gebietet, und man trug die besten Speisen aut und trank Wein und war fröhlich von Herzen. Und wie er so nachdachte, wurde ihm immer trauriger zu Mute, und er fing an zu weinen: „Nun habe ich mich mein ganzes Leben redlich gemüht und gerackert, und am "Ende ist es so weit mit mir gekommen. Warum straft mich Gott so hart? Freilich, meines Anteils an der anderen Welt bin ich ALPHONS LEVY. sicher, und nachdem ich Jom meine Sünden abgebüsst habe, werden mir alle Herrlichkeiten des Paradieses zuteil werden. Aber wenn Gott mir für einen Teil jener Herrlichkeiten, die mich im Himmel erwarten, ein klein wenig irdische Güter geben wollte, damit ich es nicht nötig hätte, mich so bitterlich zu plagen!1* Mittlerweile wurde es Nacht. In den alten guten Zeiten!) Siehe „Ost und West" Heft IV. M*V>JS mm ' ., _ '..'•• -V-r rv.wr- .; r^slaggäig^' ••»•.. ^^"--::.^W:- ^^WZ^^^:':' pflegte er zu dieser Stunde am Ausgang des Sabbats das Geleitemahl,, das Festmahl des Königs David, abzuhalten. Was war da für eine Freude und Lustigkeit im Hause; man sang die Eliah-Lieder und „sagte Thora"2) und erzählte schöne Geschichten, bis der Morgen graute. Und jetzt sass er da im finstern Walde und hungerte, denn das Schwarzbrot war schon zu Ende. Und wie er sich an das alles erinnerte, erhob er die Augen und bemerkte in der Ferne ein Lichtlein. Dem Lichtlein ging er nach und gelangte in ein kleines Häuschen, wo er eine alte Frau fand. Die alte Frau bot dem Ausgehungerten eine Portion Fische an, die ihr vom Sabbatmahl geblieben war. Natürlich wollte er zuerst die Semiroth für den Sabbatausgang singen. Er fing an, in der Stube auf und ab zu gehen und zu singen und wurde nicht so bald fertig. Da kam zu ihm ein Mann und sprach: „Komm1, ich lade dich zum Geleitemahl". Er fasste ihn bei der Hand und führte ihn durch eine unterirdische Höhle einen weiten, weiten Weg, bis sie nach einem Raum gelangten, der voll war von Licht, dass es aussah wie. bei hellem Tag. Darinnen sassen viele Menschen, junge und alte. Es waren lauter schöne Menschen, und sie sahen sehr PARIS. edel aus. Alle hatten Kippur. weisse Gewänder an, und als die beiden hereinkamen, gab man ihnen auch weisse Gewänder zum Anziehen. Dann setzten sie sich an den Tisch, und einer stimmte einen Gesang an, und alle sangen mit, und das war der schönste Gesang, den er je gehört. Dann sagte ein If'^l m 2) „Thora sagen" heisst bei Tische einen gelehrten Diskurs über ein biblisches Thema oder über eine Talmudsteile halten.