Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1905)
- Article
- Naphthali Hirz Wessely
- Date
- 1905-05-01
- Page
- Seite 335 - 336 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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335 A. Benesra: Naplithali Hirz Wessely. 336 förmlich von epochemachender und grundlegender Bedeutung. Der ganze Sprachschatz der Bibel erfuhr hier eine Erneuerung und Verjüngung, trat lebendig, des Rätselhaften und Unerklärlichen beraubt, vor die Seele des jüdischen Volkes. So wurde denn die Mosaide seit den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts unter den osteuropäischen Juden zu einem wahren Volksbuch, an dem sich drei Generationen belehrt und erbaut haben. Es entstanden nachher einige ähnliche Dichtungen von geringerer Bedeutung. Aber auch die nachmalige, so herrliche Entwickelung der modernen hebräischen Poesie, die ihre Gipfel in Leben söhn dem Aelteren und dem Jüngeren und in Gordon hat, knüpft an "Wessely an. Wohl hat die neue hebräische Poesie seither gewaltige Fortschritte gemacht und ist andere Wege gewandelt. Der Kreis ihrer Darstellung hat sich ungeheuer erweitert, die Skala ihrer Empfindungen ist ungleich reicher geworden, ihre Ausdrucksmittel unvergleichlich kräftiger und tiefer und ihre Ziele höher. Aber sie hat nicht aufgehört, in Wessely ihren Urahn dankbar zu verehren. In Deutschland hat er geistig keine Nachkommen hinterlassen. Wessely überlebte seinen Freund Mendelssohn beinahe um zwanzig Jahre. Er sah noch den Bankerott der Berliner Aufklärung und den schmählichen Abfall der Nachfahren Mendelssohns. Was wertvoll und gesund an dieser Aufklärung war, stammte mit aus seinem Geiste, doch weder er noch Mendelssohn waren stark genug, sie vor Entartung zu bewahren. Die nachher besonders in Berlin wütende Taufseuche erlebte er nicht mehr, aber auch nicht die Regeneration der jüdischen Wissenschaft durch Zunz und seine Freunde. Im Herbst 1804 reiste er nach seiner Geburtsstadt Hamburg zur Vermählung seiner Tochter. Hier hielt er öffentliche Vorträge, bis er krank wurde. Er behielt die Geistesfrische bis zur letzten Stunde. Eines Tages unterhielt er sich mit seinem Schüler Abraham Meldola *) über den wundervollen Psalm 130, wo von Hoffnung und Zuversicht und Gnade und Erlösung die Rede ist. „Auch ich hoffe zuversichtlich, dass mir bald die Morgenröte der Erlösung aufgehen wird'', schloss er. Dann hauchte er seine Seele aus. Am zweiten Adar scheni 1805 wurde er auf dem sephardischen Friedhof in Altona zu Grabe getragen. Mit ihm starb der erste und der letzte wahrhaft grosse hebräische Schriftsteller und Dichter der neueren Zeit in Deutschland. DIE VERSTÖSSENE. Aus dem Jüdischen des J. L. P Den ganzen Mai litt man unter Regen und Kälte. Man denkt sich: Es wird kein rechter Sommer mehr kommen, es wird schon so weiter kalt und nass sein, die ganze Zeit hindurch. — Am Vorlage "von Schewuoth zeigt sich plötzlich die Sonne. „Die Thora ist Licht", sagt der Vater mit stolzer Genugtuung, und macht sich daran, die „Schewuoth- Gebräuche" für die Nacht zu dem heiligen Feste", rief die Mutter fröhlich und machte sich mit frischer Kraft an ihr Buttergebäck. „Süssen Teig will ich Euch backen", ertönte uns ihre Botschaft. Es dauerte nicht lange, und ein Gemisch von Düften aus frischem Teig, Safran, Zimmet und Nelken, verzuckertem, säuerlichem Käse und eingelassener Butter erfüllte die Stube. Meine junge Schwester Channe rührte sich nicht dazu; sie sass beim Fenster über ihrem Roman, obgleich sie ihn nicht las, und blickte unruhig auf die Gasse. Die Mutter rief sie einigemale zur Unterstützung, sie aber antwortete gar nicht. Ueber ihr suchen. _Zu Ehren ercz übersetzt von E. Müller, bleiches Gesicht fährt ein heftiges Lächeln, sie öffnet die schmalen Lippen, will antworten — antwortet nicht und blickt zurück ins Buch. „Faule Sachen", brummt die Mutter, „lauter „Bücher-Schmücher", was weiss sie vom Feiertag?" Der Vater, der sich in die häuslichen Dinge nicht zu mengen pflegte, fand indes sein Schewuothbuch, stäubte es ab und legte sich dann noch vor dem Bade schlafen, um in der Nacht wachen zu können. Die Mutter hörte auf zu brummen, sie will den Vater nicht wecken. Still ruft sie mich zurück, gibt mir einige Groschen und heisst mich hinausgehen, Laub zu kaufen für den Fussboden und farbiges Papier, dass man daraus für die Fenster zierliche Rosen schneide. Gott weiss allein, wie schwer es mir war, die Stube zu verlassen. Da stand eine Schüssel voll Schmetten, eine Schüssel mit verzuckertem Käse, da kugelten sich Düten mit Rosinen — aber allein kaufen, ausdingen und bezahlen, der böse Trieb war noch stärker — Dann kam der schreckliche Schewuoth. Channe, meine Schwester, ist fort. Wir gingen beten, die Mutter bereitete sich zum „Entzünden". Damals ward ihr ein Zeichen, sie hörte im Schlaf ein schreckliches Pfeifen — und sie war J) Dieser schrieb nachher Wesselys Biographie.