Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1905)
- Article
- Naphthali Hirz Wessely
- Date
- 1905-05-01
- Page
- Seite 333 - 334 (sequence 5)
- Language
- German
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333 A. Beiiesra: Naphthali Hirz Wessely. 334 sal seiner fernen Brüder und ihrer geistigen Kultur am Herzen lag, erliess nun an die Gemeinden Oesterreichs ein ausführliches Sendschreiben: "Worte des Friedens und der Wahrheit, in welchem er sie ermahnte, sich der heranbrechenden neuen Zeit entgegerizurüsten und sich der Freiheit würdig zu zeigen. Er forderte sie auf, die im argen liegende Erziehung der Jugend zu heben, den Unterricht zu verbessern, die Kinder stufenweis und nach rationeller pädagogischer Methode in der hebräischen Sprache zu unterweisen, in ihnen den Sinn für die Schönheiten der biblischen Poesie zu wecken, um sie dann erst in die Mischnah und Talmud einzuiühren, aber auch die Landessprachen und die Kenntnisse der weltlichen Wissenschaften eifrig zu pflegen und für die Verbreitung des Handwerks und des Ackerbaues unter der heranwachsenden Generation zu sorgen. Das Sendschreiben war von einer aufrichtigen Liebe zum jüdischen Volk und zur angestammten Religion der Väter getragen, enthielt in kristallklar, warmer Sprache eine Fülle tiefer und weiser Gedanken und legte dar, dass die echte wissenschaftliche Bildung den religiösen Sinn nicht nur keineswegs schädige, sondern ihn sogar noch vertiefe. Die Pflicht, Natur und Leben wissenschaftlich zu begreifen, begründete er aus dem Talmud und dem späteren jüdischen Schrifttum. Nun trat etwas ein, worauf Wessely wohl am wenigsten gefasst war. Die Koryphäen der unentwegten Orthodoxie, denen der alte Schlendrian ein Heiligtum war, zogen mit schwerem Rüstzeug gegen ihn zu Felde, brandmarkten ihn unter heftigen Schmähungen und Zornausbrüchen als Ketzer, der das Volk zum Abfall verleiten wolle. In den italienischen Provinzen Oesterreichs jedoch fanden seine Anregungen lebhaften Beifall und Anerkennung. Die Rabbiner von Triest, Venedig, Reggio, Görz und Ancona traten eifrig für ihn ein. Diesem Streit, der sich beinahe fünf Jahre hinzog, verdanken wir zwei weitere Sendschreiben Wesselys, von der gleichen Eleganz des Stils, Vornehmheit der Gesinnung, Weite des Blicks und Tiefe der Anschauungen, wie das erste. Der Sieg blieb theoretisch auf seiner Seite. Doch sind seine Ideen, heute, nach hundertundz wanzig Jahren, noch lange nicht überall verwirklicht. Allein nicht nur auf der rechten, sondern auch auf der linken Seite hatte er manchen Strauss zu pflücken; so namentlich mit den jugendlichen Stürmern und Drängern, die sich um die Zeitschrift „Hammeasseph" gruppierten, und deren seichter Rationalismus, besonders wenn er sich an religiöse Stoffe heranwagte, oft verletzend wirkte. Doch blieb er mit dieser Zeitschrift in steter Verbindung. Hier veröffentlichte er auch seine Poesien, namentlich die Elegie auf den tragischen Heldentod des Prinzen von Braunschweig und das ergreifende und tiefempfundene Klagelied auf den Tod Mendelssohns. Im vorgerückten Alter stand er schon, als seine „Mosaide" erschien.1) Trotz seiner grossen Verdienste und seiner wohlverdienten Berühmtheit konnte diese seine grosse Dichtung nur bruchstückweis in langen Zeiträumen erscheinen. Die ersten fünfzehn Gesänge erschienen in fünf Heften zu Berlin vom Jahre 1789 bis 1802, die letzten drei Gesänge wurden gar erst im Jahre 1829 in Prag veröffentlicht. In Deutschland war das Interesse für die hebräische Sprache und Dichtung rasch erloschen, in Polen jedoch noch nicht erwacht. Dagegen hatte Wessely die Genugtuung, die ersten vier Gesänge von christlichen Hebräisten ins Deutsche übersetzt und im Jahre 1795 veröffentlicht zu sehen. Die Uebersetzer waren gute Flebräisten, aber recht mittelmässige Poeten, und so gibt ihre Version leider nur eine matte Vorstellung vom Original. Diese Uebersetzung, die nur geringe Verbreitung fand, ist heute fast gänzlich verschollen und gehört zu den grössten bibliographischen Seltenheiten.2) Es war ein verwegenes Unterfangen, eine Mosaide nach Moses zu dichten, zumal in hebräischer Sprache, wo der Vergleich mit dem unsterblichen Heldengedichte, das wir im Buche Exodus besitzen, jedesmal herausgefordert werden musste — ein Unterfangen, an dem auch eine höhere poetische Begabung als die Wesselys hätte scheitern müssen. Wenn Wessely nicht scheiterte, so geschah dies nur darum, weil er in weiser Abschätzung seiner Kräfte sich keine andere Aufgabe stellte, als eine solche, der er gewachsen war. Wenn also seiner Dichtung auch der grosse und kühne epische Zug mangelt, so behält sie doch heute noch ihren nicht zu unterschätzenden Wert, und sei es auch nur als versifizierter Kommentar zur biblischen Schilderung desExodus,, der in schönen, klangvollen, inhaltreichen Versen die Geschichte Israels in Aegypten und bis zur Offenbarung am Sinai ausführlich und breit erzählt, das in der Bibel nur Angedeutete sinnvoll erweitert, eine Menge weiser, bisweilen sogar tiefer Gedanken enthält, in prächtigen Dialogen die handelndenPersonen charakterisiert, die Situationen treffend schildert und manches Dunkel des Textes aufhellt. Oft sagt er weniges mit vielen Worten. Aber die Worte sind schön, geschmackvoll gewählt, klangvoll und melodisch. Die ganze Stilart der Dichtungen Wesselys, die man zuweilen die „klassische" zu nennen liebt, ist ja dazu angetan, einen, wenn auch manchmal dürftigen, Inhalt in das wallende, faltenreiche Gewand der Rhetorik zu hüllen. Sehr schön gelungen sind die gereimten lyrischen Präludien zu jedem Gesänge. Unter diesen verdient das zum 17. Gesang eine besondere Hervorhebung, weil hier der universelle und ewig menschliche Gehalt der mosaischen Lehre eine wahrhaft grossartige poetische Ausprägung gefunden hat. Sprachlich war die Mosaide 1) Ihr ging sein schönes Sittenbüchlein Sepher hammiddoth (Berlin 1788) voran. 2) Wir lassen weiter unten den zweiten Gesang in der Uebersetzung des Professors Spalding folgen.