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Ost und West · 1905-05-01 · Heft 5 (Mai 1905) · p. Seite 331 - 332

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 5 (Mai 1905)
Article
Naphthali Hirz Wessely
Date
1905-05-01
Page
Seite 331 - 332 (sequence 4)
Language
German
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331 A. Benesra: Naphthali Hirz Wessel}'. 332 Literatur in hebräischer Sprache. Er genoss Unterricht in modernen Sprachen, ohne darüber das Studium des Talmud zu vernachlässigen. So erwarb er sich eine vielseitige und gediegene Bildung, ohne von jenem unheilvollen Zwiespalt zwischen Ueberlieferung und Zeitgeist beunruhigt zu werden, der so vielen Grössern die Harmonie der Seele zerstörte. Seine Kindheit verbrachte Naphthali in Kopenhagen, als Jüngling genoss er die Unterweisung und den intimen Umgang des berühmten, rätselhaften Jonathan Eibenschitz, Oberrabbiners von Hamburg-Altona-Wandsbeck, der jedoch auf seine Geistesrichtung keinerlei tieferen Einfluss ausübte. Seine Eltern hatten ihn für den Kaufmannsstand bestimmt. Der Berliner Bankier Ephraim Veitel übertrug ihm die Leitung seines Geschäftshauses in Amsterdam, und Wessely bewährte sich trefflich in dieser Stellung. Alle freien Stunden widmete er jedoch seinen Lieblingsstudien, besonders der Ergrünclung der Eigenheiten der hebräischen Sprache, namentlich der Synonymen. Die Frucht dieser Arbeiten war sein erstes Werk Gan Navtl (Amsterdam 1765, zweiter Teil, daselbst 1766), welches geradezu Aufsehen erregte und den Ruhm des Verfassers bis nach Italien und Polen trug. Das Buch warf neues Licht auf zahlreiche dunkle Stellen der Bibel, erwies den innigen Zusammenhang der Tradition mit ihr und enthielt ausserdem eine solche Fülle trefflicher und feiner Gedanken, dass es an die besten Arbeiten der spanischen Schule erinnerte, übertraf diese jedoch an Frische und stand den Zeitgenossen ungleich näher als sie. Es brachte einen kräftigenden Lufthauch überall hin und regte die weitesten Kreise zum Denken und zum wissenschaftlichen Studium der Bibel an. Wessely kehrte auf Veranlassung seines Vaters nach Kopenhagen zurück, wo er sich verheiratete und ein eigenes Handelshaus gründete. Nicht lange darauf verlor er jedoch sein Vermögen und sah sich gezwungen, in Berlin 1774 bei Josef Veitel eine Stellung anzunehmen. Hier trat er in den Kreis ein, der sich um Moses Mendelssohn scharte. Mit Mendelssohn verband Wessely innige Freundschaft. Trotz der grossen Verschiedenheit dieser beiden Persönlichkeiten an Höhe und Richtung hatten sie doch vieles gemeinsam, namentlich die innige Liebe zu den idealen Gütern des Judentums, die aufrichtige, geläuterte Religiosität und jene Milde des Wesens, die ein gegenseitiges Verstehen bedingt. Diese beiden dürftig belohnten Angestellten zweier grosser Handelshäuser widmeten im Stillen ihre besten Kräfte und die den Alltagsbeschäftigungen abgerungene kärgliche Zeit der Arbeit und dem Kampf um Güter, die in den Augen ihrer Brotherren als Lappalien erscheinen mussten. Ein Jahr nach seiner Ankunft in Berlin veröffentlichte Wessely sein zweites Werk Jen Levanon, welches in der Form eines Kommentars zum Traktat Aboth die im Gan Naül vorgetragenen Ideen weiter ausbaut und fortspinnt. Dieses Buch ist eines der meistgelesenen und — meistgeplünderten hebräischen Bücher seiner Zeit gewesen und ist es bis heute geblieben, obgleich die darin vorgetragenen Anschauungen vielfach überholt und veraltet sind. Das verdankt es vornehmlich seinem poesievollen, ewig jungen Stil, der aufrichtigen Wärme und Begeisterung, von der. es getragen ist, und den zahlreichen weisen und tiefen Gedanken, die darin verstreut sind. Mittlerweile war Mendelssohn an die Uebersetzung und Kommentierung der Bibel herangetreten und hatte einen Probebogen von dem geplanten Werk veröffentlicht. In Wessely regte sich der Kämpfer. Er gab ein Flugblatt heraus, wo er in Prosa und in sehr schönen Versen die damalige verkehrte Unterrichtsmethode scharf geisselte und zu einer Reform des Erziehungswesens ermahnte. Dieses Auftreten entfremdete ihm, ebenso wie Mendelssohn, einigermassen die Gunst der damaligen massgebenden Führer der strammen Orthodoxie. Doch der Kampf sollte erst später entbrennen. Einstweilen verlor Wessely aber seine bescheidene Stelle, denn Veitel hatte sein Geschäft aufgelöst. Die Not gewährte ihm wenigstens reichere Müsse, und so konnte er für das Mendelssohnsche Bibelwerk die Aufgabe übernehmen, den Kommentar zum dritten Buch Mosis zu schreiben. In diesem Werk übertraf er alle seine früheren Leistungen dieser Art. Seine Harmonisierungsmethode, vermittels deren er nachzuweisen unternahm, dass die traditionelle Lehre schon in dem Wortlaut der Schrift gleichsam latent enthalten sei, erreichte hier den Gipfel der Vervollkommnung. Gleichzeitig hielt er Vorlesungen über den Pentateuch vor einem Kreise Berliner Kaufleute. Seine halbgebildete Zuhörerschaft fand aber, dass Wesselys Erklärungen nicht genügend „fortschrittlich" wären und von den kritischen Offenbarungen der Bonnet und Buffon, die damals allen aufgeklärten Zeitungslesern, und Stammtischbesuchern als untrügliche Wissenschaft allerneuester Fasson galten, erheblich abwichen. Aus diesen Vorlesungen erwuchs sein herrlicher Kommentar zur Genesis, von dem jedoch nur ein geringer Teil lange nachher im Druck erschien. Damals wagte Wessely auch, seine Erstlingsarbeit, die wunderschöne Uebersetzung und Erklärung des apokryphischen Buches der Weisheit Salomonis zu veröffentlichen (Berlin 1780). Bis dahin hatte er das Werk zurückgehalten, weil die Apokryphen zu jener Zeit im Gerüche der Ketzerei standen. Seither besitzen wir einige schöne Rück Übertragungen dieser altjüdischen. Bücher, deren hebräische Originale uns verloren gegangen sind. Ein Jahr darauf trat Wessely als Kämpfer auf die Arena. Josef IL, Kaiser von Oesterreich, hatte das sogenannte „Toleranzedikt" erlassen. Darin sahen die Juden die Morgenröte einer neuen Epoche voll Licht, Aufklärung und Freiheit, die über sie heraufzog. Wessely, den das Schick-

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