Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1905)
- Article
- Naphthali Hirz Wessely
- Date
- 1905-05-01
- Page
- Seite 329 - 330 (sequence 3)
- Language
- German
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329 A. Benesra: Naphthali Hirz Wessely. 330 herben Konflikt miteinander. Zu jener Zeit erhöhten sie nur den Reichtum des Geistes und beflügelten die Schaffenskraft. Moses Mendelssohns Bibelübersetzung und Kommentar entsprangen diesem doppelten Drange. Mit dem erwachenden Geist der neuen Zeit, deren Hauch damals das jüdische Volk in allen seinen Teilen durchwehte, wurde man sich immer klarer bewusst, dass man aus dem ewig frischen Quell der Bibel verjüngenden Trunk schöpfen muss. Lange Zeit war das rationelle und systematische Studium der Bibel vernachlässigt worden; man betrieb es höchstens nach einer sinnlosen, scholastischen Methode, und das Verständnis und der Genuss ihrer hohen Schönheit waren beinahe ganz verloren gegangen. Der Unterricht war verwahrlost, der Geschmack gesunken, man schrieb einen verwilderten hebräischen Stil. Die neue Zeit entdeckte die Bibel. Es war, als hätten sich die Propheten aus ihren Gräbern erhoben und sprächen, nach einem dritthalb tau s e n dj ä h rige n Schweigen, wieder zu ihrem Volke, und wiesen ihm den Weg zu den edelsten Schätzen des Geistes. Einer der ersten, die diese Stimmen vernahmen und sich zu deren Echo machten, war Wessely. Er war zu Hamburg im Jahre 1725 geboren, siebenundachtzig Jahre, nachdem sein Urahn, Jos et Reis mit Namen, vor den Kosakengreueln unter Chmielnicki (1648) aus Bar in Podolien geflohen war. Josefs Vater, Abraham, war mit allen seinen anderen Angehörigen den Mördern zum Opfer gefallen. Josef hielt sich lange in Krakau auf, und nach mannigfachen Irrfahrten durch Deutschland siedelte er sich endgültig in Amsterdam an. Hier gelangte er zu Wohlstand und i-Vnsehen; im Jahre 1671 unterzeichnete er mit anderen Glaubensgenossen eine Bitte an die Regierung um Erlaubnis zum Bau eines Gotteshauses, die auch gewährt wurde. Mit seinem jüngeren Sohn Mose machte er sich nachher in Wesel am Rhein ansässig, wo er ein Handelshaus gründete; seither nannte sich die Familie Wesel oder Wessely. Mose Wessely war in seinen Unternehmungen vom Glück begünstigt. Die Synagoge' zu Wesel bewahrt noch heute manchen Kultusgegenstand seiner Schenkung, der seinen Namen trägt. Auf Veranlassung des Prinzen von Holstein, mit dem er als Lieferant in Berührung gekommen war, übersiedelte er nach Glückstadt, der damaligen Hauptstadt von Schleswig, wo ihm der Dänenkönig Friedrich VI. dieselben Rechte gewährte, welche die schon vorher dort sesshaften portugiesischen Juden genossen, die vorwiegend ostindischen Handel trieben. Er war der erste, der eine Waffenfabrik zu Schleswig errichtete. Der König, dessen Vertrauen er in hohem Grade genoss, übertrug ihm mehrere Geschäfte und sandte ihn schliesslich als seinen Agenten nach Hamburg. Hier besorgte er auch Geschäfte lür Peter den Grossen. Sein Sohn Isacher Ber, der als bedeutender Kaufmann es zu hohen Ehren und allerhand Titeln und Auszeichnungen brachte, gab seinen Erstgeborenen den Namen Naphthali Hirz; letzteres Wort wurde, der beginnenden Mode gemäss, in Hartwig verwandelt, welches man für vornehmer und „deutscher" hielt als Hirz, ohne zu ahnen, dass letzteres ein echtes mittelhochdeutsches Wort ist und Hirsch bedeutet, welches bekanntlich nach B. M. I, 49, 21 das Emblem des Stammes Naphthali war.1) Isacher Ber liess seinen Sohn nach althergebrachter Weise erziehen. Auch nachher, als er seinen Wohnsitz in Kopenhagen nahm und in nahe Beziehungen zum dänischen Hof trat, wich er von den alten Pfaden nicht ab. Naphthali besuchte also das Cheder, wo er mit fünf Jahren, noch bevor er in der Bibel Bescheid wusste, schon im Talmud, und zwar Traktat Kiddusch in unterrichtet wurde. Zum Glück für ihn kam der damals sehr geschätzte, verdiente Grammatiker Salomon Hanau nach Kopenhagen und übernahm es, den Knaben in der Bibel zu unterweisen. Dieser Lehrer legte in Wessely den Grund zu jener ausgezeichneten Beherrschung der hebräischen Sprache, zu jener tiefen Kenntnis der Bibel, und weckte in ihm jenen Sinn für Harmonie und Formschönheit, die nachher solch herrliche Früchte tragen sollten. Diesem Lehrer wusste er auch Zeit seines Lebens innigen, pietätvollen Dank. Der Knabe bemächtigte sich dann auch der für den damaligen Stand so reichen wissenschaftlichen und philosophischen ') Hirz wurde nachher Herz ausgesprochen, und die ursprüngliche Bedeutung des Wortes geriet in Vergessenheit. Diesem Ümstand verdankt der unter den Juden so verbreitete Familienname Herz, Hertz seinen Ursprung.