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Ost und West · 1905-05-01 · Heft 5 (Mai 1905) · p. Seite 327 - 328

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 5 (Mai 1905)
Article
Naphthali Hirz Wessely
Date
1905-05-01
Page
Seite 327 - 328 (sequence 2)
Language
German
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327 A. Benesra: jNaphthali Hirz Wessely. 328 ALPIIONS LEW. PARIS. Jahrzeit. wir bei so manchen ebräischen Heldengedichten in unserer Sprache noch keine Epopöe über Moses haben. Die Errettung eines Volkes aus der Knechtschaft und die Bildung desselben zum reinsten Gottesdienst und freiesten Staat so alter Zeiten, wäre ein edleres Thema, als Abenteuer in Schlachten und Reisen. Die Geschichte seines Lebens ist voll wunderbarer Abwechselung. In Aegypten geboren und erzogen, verbannt? er sich selbst patriotisch. Sein Beruf in der Wüste, der Wettstreit des Gottes seiner Väter mit Pharao und den Weisen Aegyptenlands, die Ausreise durchs Meer, Feuer und Wolkensäule . . . die Gesetzgebung . . . alles das gäbe einen Stoff. . . zur Epopöe, das heisst, zu einer alten Sitten- und Heldenerzählun^. Doch möchte ich mit dieser kleinen Exposition keinen Deutschen, sondern einen deutschen Ebräer geweckt haben! Ihm ist der Gegenstand national. Seine unbefangene frühere Bekanntschaft mit den Dichtern seiner Nation müsste ihm eine echtere Naivetät geben, als man von einem Deutschen fordern könnte." Als Herder diese Worte niederschrieb, ahnte er wohl kaum, dass seine Sehnsucht nach einer Moses-Epopöe schon sieben Jahre darauf in Erfüllung gehen würde, und zwar durch einen ,,deutschen Ebräer", der ein Hebräer war in einem freilich ganz andern Sinne, als dies Herder wohl ausdrücken wollte. Im Jahre 1789 fing nämlich die „Mosaide" von Naphthali Hirz Wessely in Berlin zu erscheinen an — ein Pleldengedicht in achtzehn Gesängen, dessen Schlussjedoch erst nach dem Tode des Verfassers herauskam. Wir können uns heutzutage nur schwerlich einen Begriff von dem grossen Eindruck machen, den dieses Gedicht bei seinen Zeitgenossen hervorrief. Es war eine förmliche Offenbarung. Man sah hier die alte hebräische Sprache in einem völligneuzeitlichen Gewände auftreten und mit jeder anderen ebenbürtig um die Palme ringen. Es gab damals kein gross angelegtes Dichterwerk in hebräischer Sprache von wirklich poetischem Wert. Die grosse, mittelalterliche hebräische Poesie war lange, lange schon untergegangen. Nur am italienischen Himmel glomm etwas wie leichtes Abend- oder Morgenrot. Da erschienen auf einmal die „Gesänge der Pracht" (Schire Thiphereth) und schlugen Töne echter Poesie an, wie man sie zu vernehmen nur in deutscher Sprache gewohnt war. Und dazu war der Stoff, den sie behandelten, heroisch und national, und doch zugleich allgemein menschlich, da ja die Geschichte Mosis nicht nur allgemein bekannt, sondern zu einem Teil der Weltgeschichte geworden war. Der Heros dieser Geschichte nahm in Pantheon der Menschheit einen ersten Rang ein. Die Mosaicle entsprach also dem doppelten Seelenbedürfnisse jener Zeit, dem Drang nach Universalität und dem nach Entfaltung der nationalen Eigenart. Erst viel später kommen diese beiden Grundrichtungen des Empfindens in ALPHONS LEVY. PARIS. Mit dem Feststrauss (Suckott).

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