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Ost und West · 1905-05-01 · Heft 5 (Mai 1905) · p. Seite 313 - 314

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 5 (Mai 1905)
Article
Cervantes gegen den Antisemitismus
Date
1905-05-01
Page
Seite 313 - 314 (sequence 3)
Language
German
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313 Dr. M. Landau: Cervantes gegen den Antisemitismus. 314 ling gegenüberzustellen, wenn nicht seine — heute würde man sagen: arische, damals sagte man — rein christliche Abstammung. So entstand gegenüber den Neuchristen, den Nachkommen von Juden und Mauren, der lächerliche Stolz auf das eigene reine, das blaue Blut" und das „alte Christentum". Und diese Rassenreinheit scheint auch ihre Vorteile gehabt zu haben. Die Neuchristen waren ja in Spanien gesetzlich vollkommen gleichgestellt, wie jetzt die Juden in manchen Ländern, wo sie trotzdem nicht Offiziere werden können. In bezug auf Staatsanstellungen war man damals in Spanien vorurteilsloser als heutzutage — anderswo. Aber es muss doch manche Stellungen gegeben haben, für die besondere Reinheit der Abstammung erforderlich war, denn auf Veranlassung des jungen Miguel Cervantes hat sein Vater am 22. Dezember 1569 vor dem Stadtgericht in Madrid durch drei Zeugen bestätigen lassen, dass seine und seiner Frau Ahnen weder Ketzer, noch Mauren oder Juden gewesen sind und dass Miguel sein ehelicher Sohn sei. Welchen Erfolg dieses Zeugnis für den Dichter hatte, wissen wir nicht, aber es hat ihm wohl Veranlassung zu seinem Entremes (Zwischenspiel) El retablo de las maravillas, was wir am besten mit „Das Wundertheater" übersetzen, gegeben. Diesem lustigen dramatischen Spiele liegt dieselbe Idee wie dem „Talisman" Fuldas zugrunde. Es ist ein uralter Schwank, dessen Ursprung in China und Indien zu suchen ist und der schon einige Male dramatisiert wurde, von keinem aber mit solcher Verve, mit solch drastischer Komik, und solcher Tendenz wie von Cervantes. Die Grundidee des alten Schwanks ist, dass ein Betrüger einer oder mehreren leichtgläubigen Personen vorspiegelt, er zeige ihnen merkwürdige, wunderbare Dinge, die aber nur diejenigen sehen können, welche gewisse gute Eigenschaften besitzen, von gewissen Fehlern oder Mängeln frei sind. Die guten Leute sehen natürlich nichts von diesen Dingen, die gar nicht existieren, schämen sich aber einzugestehen, dass sie nichts sehen, also an den gewissen Mängeln leiden, die erforderlichen guten Eigenschaften nicht besitzen. Schliesslich kommt ein naiver ehrlicher Mensch dazu, der offen erklärt, er sehe nichts von diesen Merkwürdigkeiten und dem Betrug ein Ende macht. Fulda verspottet in seinem Lustspiel das Gottesgnadentum der Monarchen und die unehrliche Schmeichelei und Kriecherei der Höflinge Dr. Marcus Landau, Wien, rühmlich bekannter Litieraturhistoriker. (Bleistiftzeichnung.) und anderer Untertanen, die Zielscheibe von Cervantes' Witz sind der Rassenhochmut seiner Spanier, ihr lächerlicher Stolz auf ihr altes Christentum gegenüber den von Juden oder Mauren abstammenden Neuchristen. Lachend beweist er ihnen, dass zwischen alten und neuen Christen gar kein Unterschied bestehe, dass man zwischen einem „Judenstämmling" und einem blaublütigen Nachkommen der alten gothischen Eroberer Spaniens gar nicht unterscheiden könne. In ein kleines Provinzstädtchen kommen zwei Betrüger, Chanfalla und Cherinos, stellen sich dem Bürgermeister und Gemeinderat vor, und bitten um die Erlaubnis, mit ihrem Wundertheater Vorstellungen zu geben. Das Theater oder vielmehr das Bühnengerüst sei mit solch wunderbarer Kunst unter Einfluss der Planeten hergestellt worden, dass nur derjenige, der keinen Tropfen jüdischen Blutes in sich habe und in rechtmässiger Ehe erzeugt sei, das darauf Vorgestellte sehen könne. Die Stadtoberhäupter, deren geistige Qualitäten schon durch ihre Namen — Kohlstrunk, Schöps, Nachteule — angedeutet werden, sind über diese neue Erfindung höchst erstaunt, geben aber gern die Erlaubnis zu den

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