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Ost und West · 1905-05-01 · Heft 5 (Mai 1905) · p. Seite 311 - 312

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 5 (Mai 1905)
Article
Cervantes gegen den Antisemitismus
Date
1905-05-01
Page
Seite 311 - 312 (sequence 2)
Language
German
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311 Dr. M. Landau: Cervantes gegen den Antisemitismus. 312 hat er wohl gewusst, wieviel Wichtigeres und Interessanteres als literarische Satire in dem Roman enthalten ist. Er ist in der Tat ein satirisches Gemälde des ganzen Spanien seiner Zeit, mit seinem ausgearteten herabgekommenen Rittertum, mit seinen hochmütigen, eitlen, bigotten Caballeros und Hidalgos, voll Abenteuerlust und falscher Ehrbegriffe, mit jenen traurigen Rittergestalten, die, wenn sie nicht auf Kosten des Staates, das heisst der unterworfenen Amerikaner, Niederländer und Italiener, leben konnten, lieber hungern und abenteuernd herumziehen, als ehrlich und fleissig arbeiten wollten. Und mit der von Don Quixote hochverehrten Dulcinea von Toboso ist vielleicht niemand anders gemeint, als die in Aberglauben versunkene und entstellte, Andersgläubige verfolgende, von den Spaniern aber für die einzig wahre und schönste gehaltene katholische Kirche. Solche Tendenz und Satire musste freilich in dem Lande der Inquisition und des Despotismus mit dem dichtesten Schleier verhüllt werden. Aber für den, der den Roman aufmerksam liest, wird sich hie und da der Schleier lüften. In diesem grossartigen Gemälde Spaniens, auf dem wir Edelleute und Bauern, Handwerker und "Wirte, Beamte und Räuber, alle Stände und Klassen erblicken, fehlen nur die Juden. Aber, wird man uns einwenden, Cervantes hat ja gar keine Juden gekannt, es gab deren keine zu seiner Zeit in Spanien; und wenn er welche gekannt, hätte er sie gewiss gehasst. Er war ja ein frommer, eifriger Christ, hat gegen die Ungläubigen gekämpft, lange in ihrer Gefangenschaft in Algier geschmachtet. Vor allem ist hier zu erwidern, dass kein wirklich grosser Dichter die Juden gehasst hat. Ich habe bereits an anderer Stelle nachgewiesen, dass „der Kaufmann von Venedig" eher ein christenfeindliches als judenfeindliches Drama ist. Dante hat einen Juden zum Freunde gehabt. Und brauche ich noch Lessing, Geliert, Byron und andere zu nennen? Die religiöse Intoleranz offen zu bekämpfen, durfte freilich Cervantes nicht wagen, aber das, was man jetzt nationalen Antisemitismus, Rassenhochmut und Chauvinismus nennt, das hat er mit der schärfsten, aber auch lustigsten Satire bekämpft; mit einem köstlichen Witze, der an die besten Stellen des Don Quixote erinnert, hat er seine „reinrassigen" Landsleute verspottet. Bevor ich meine Leser mit dieser so wenig gekannten Satire näher bekannt mache, will ich noch die zweite Einwendung, dass es zu Cervantes Zeiten keine Juden in Spanien gab, widerlegen. Gewiss, der Religion nach gab es dort keine Juden mehr. Die, welche nicht zum Christentum übertraten, waren schon ein halbes Jahrhundert vor Cervantes' Geburt aus dem Lande getrieben worden. Aber die Nachkommen der Vertriebenen, die „neuen Christen", waren sehr zahlreich und erfreuten sich der besonderen Aufmerksamkeit der Inquisition, denn manche von ihnen beobachteten noch im geheimen einige Zeremonien ihres alten Glaubens oder wurden ihres Reichtums halber als „Judaisierende" angeklagt. Sonst waren aber diese „neuen Christen", diese Söhne und Enkel von Juden, ganz zu Spaniern geworden, wie es schon ihre Väter gewesen waren, die, aus der Heimat vertrieben, die Sprache ihres Vaterlandes in die Verbannung mitnahmen. Und dort hat sie sich bei ihren Nachkommen bis in die neueste Zeit erhalten. In Spanien selbst waren die Christen jüdischer Abstammung, dank ihrer Intelligenz, ihrer Bildung und wohl auch ihres Reichtums zu hohen Stellungen und Verbindungen gelangt. Mehr als ein spanischer Bischof und viele Beamte und Adelsfamilien stammten von Juden ab oder hatten einige Tropfen jüdischen Blutes in ihren Adern. Die Grafen von Punonrastro, die Herzoge von Villa-Hermosa und andere Granden stammen von Juden ab und, sagt Llorento, von weiblicher Seite ist in fast alle Adelsfamilicn jüdisches Blut gelangt, ja selbst bis in die königlichen Familien. Ein Judenstämmling hat eine Cousine Kaiser Karls V. geheiratet, und als, noch im achtzehnten Jahrhundert, König Joseph von Portugal die Nachkommen von Juden zum Tragen weisser Hüte verhalten wollte, brachte ihm der Minister Pombai zwei solcher Hüte, „einen für mich", sagte er, „und einen für Ihre Majestät". Von dem Judenzeichen war dann keine Rede mehr. Grosse Erfolge und glänzende Stellungen erregen stets Neid, besonders wenn sie von Leuten erreicht werden, denen man sich in irgend einer Weise überlegen glaubt. Was hatte aber der gewöhnliche, talentlose, ungebildete oder faulenzende Spanier dem erfolgreichen Judenabkömm-

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