Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1905)
- Article
- Cervantes gegen den Antisemitismus
- Date
- 1905-05-01
- Page
- Seite 315 - 316 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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315 Dr. M. Landau: Cervantes gegen den Antisemitismus. 316 Produktionen. Sie werden ja alles sehen, sie sind ihrer Sache ganz sicher. „Wir sind ja keine Hergelaufenen, nicht hinter der Hecke geboren, man weiss ja wer und woher wir sind," erklären sie mit dem ganzen Stolz ihres blauen Blutes und ihrer ehelichen Geburt. Und Stadtrichter Kohlstrunk sagt; „Auf meinen Rippen liegt vier Finger dick so altes, echtes Christenfett, dass es schon ranzig ist". Nun beginnt die Vorstellung, eine Art lebender Bilder. Chanfalla zeigt seinem Publikum, das heisst er sagt ihm, dass zu sehen ist, wie Samson die Säulen des Tempels der Philister anfasst, um sie zu zerbrechen. „Halt ein," schreit der Richter, „das Haus wird ja über uns zusammenstürzen." — „Siehst Du was?" fragt Stadtschreiber Nachteule den Gemeinderat Schöps. „Aber gewiss, ich habe doch Augen," antwortet dieser. Der Bürgermeister aber sagt beiseite: „Unbegreiflich, ich bin doch ein alter Christ und sehe nichts, aber um meiner Ehre willen muss ich doch sagen, dass ich alles sehe." In ähnlicher Weise wird von dem Betrüger angegeben, dass er dem Publikum einen wilden Stier, schwarze und weisse Mäuse, Löwen und Bären und eine Ueberschwemmung vorführe. Honoratioren und übriges Publikum tun, als ob sie das alles wirklich sähen und fühlen, denn einer schämt sich vor dem anderen einzugestehen, dass er nichts sehe, das hiesse ja gestehen, dass er etwas Jüdisches in sich habe. „Ich werde mich gar nicht von dem Schrecken erholen können, den mir dieser furchtbare Stier eingejagt hat, ich glaube schon seine wie Dolchspitzen scharfen Hörner zu spüren," klagt des Richters Töchterlein. Kreischend steigen Frauen und Mädchen auf die Bänke und tun, als ob sie die Mäuse fürchteten. Nur der Bürgermeister beginnt ängstlich zu werden, da er nichts von der Ueberschwemmung spürt, während doch der Stadtschreiber klagt, er sei pudelnass geworden. „Sollte ich am Ende unter allen diesen Judenreinen der einzige sein, der . . . ." Endlich wird die tanzende Tochter der Herodias, die den Tod Johannes des Täufers verschuldete, vorgeführt. Ihr Tanz wird allgemein bewundert, nur Richter Kohlstrunk begreift nicht, wie sie sich selbst sehen könne, da sie doch eine Jüdin ist. Er beredet hierauf seinen Neffen, mit ihr zu tanzen, und dieser tanzt mit der unsichtbaren jüdischen Tänzerin echt spanische Tänze. Da tritt ein wirklicher Quartiermacher von Fleisch und Bein ins Theater und verlangt vom Bürgermeister Quartier für dreissig Soldaten, die bald eintreffen werden. Der Richter glaubt, er gehöre auch zu den Erscheinungen des Wundertheaters, und freut sich sehr, dass er jetzt wirklich etwas davon sehe. Vergebens versichert ihm Cherinos, er habe die Soldaten im nächsten Dorfe selbst gesehen, der Richter weiss es besser und verlangt, er solle den Quartiermacher verschwinden lassen. Der aber erwidert, es sei Hochverrat, zu verlangen, man solle wirkliche königliche Soldaten wie Zauberspuk verschwinden lassen. Das ganze Publikum beteiligt sich am Streite. Die einen glauben, sie seien als von Judenblut rein endlich gewürdigt worden, die Zauber-Erscheinungen zu sehen, die anderen sehen, dass sie es mit einem wirklichen Unteroffizier zu tun haben. Ein Gemeinderat erklärt diesem das Wesen des Wundertheaters und was für Eigenschaften man besitzen müsse, um das darauf Gespielte zu sehen. Der Wundermann lässt nun die Tochter der Herodias nochmals mit dem Neffen des Richters tanzen, aber der ehrliche Krieger erklärt, er sehe nur den Neffen allein sich herumdrehen. Jetzt weiss man es. Der Quartiermacher sieht nicht, weil er von Juden stammt. „Er ist einer von jenen ..." schreit der Stadtschreiber, und der Richter sekundiert: „Haha, der Herr Korporal ist einer von jenen." — „Hep, hep," schreit das übrige Publikum, erschrickt aber, als der Quartiermacher mit dem Säbel droht. Der Richter beruhigt es: „Getaufte Juden und Bastarde sind stets feig, fürchtet Euch nicht und schreit nur tüchtig hep hep!" Da verliert endlich der Krieger die Geduld und beginnt mit seinem Säbel dreinzuhauen. Das Hep hep verstummt, Bürgermeister, Richter und das ganze Publikum laufen davon. — Eine Wiederaufführung von Cervantes Posse wäre jetzt bei uns recht zeitgemäss, und auch sein Mittel gegen den Antisemitismus scheint probat. Die wenigen jetzt in Spanien - befindlichen nicht getauften Juden werden nicht behelligt, und während die Geburtsstadt Heines seinem Monument. kein Plätzchen gönnen will, hat Cordova eine Strasse nach Maimonides benannt.