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Ost und West · 1905-05-01 · Heft 5 (Mai 1905) · p. Seite 303 - 304

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 5 (Mai 1905)
Article
Schiller in hebräischem Gewande
Date
1905-05-01
Page
Seite 303 - 304 (sequence 3)
Language
German
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303 B. Saphra: Schiller in hebräischem Gewände. 304 lasst... Mendelssohn rechnet er einmal, obgleich er gegen ihn nicht ohne Ironie polemisiert, zu den „grossen Denkern", auch eine Schrift von Salomon Maimon erwähnt, er lobend. Doch war es wohl in beiden Fällen nicht ein. Hauch spezifisch-jüdischen Geistes, den er verspürte. Von dem Sehnen und Sinnen der Juden wusste er wohl so gut wie nichts. Wie hätte er also ahnen können, dass ihm weit ausserhalb der Grenzen Deutschlands unter den polnischen und litauischen Juden eine zahlreiche Gemeinde glühender Verehrer erstehen und . ihm mit unverbrüchlicher Treue anhängen würde, zu einer Zeit noch, als in seinem Vaterlande ein Modephilosoph (Nietzsche) ihn ungestraft den ,,Moraltrompeter von Säckingen" würde höhnen dürfen! . Schon im Jahre 1836 schrieb der nachher so berühmt gewordene Leipziger Professor Franz Delitzsch in seinem noch heute lesenswerten Buche: Geschichte der jüdischen Poesie vom Abschluss der heiligen Schriften bis auf die neueste Zeit" folgende merkwürdigen Worter „Schiller wurde ihr (der heiligen Sprache nämlich) Ideal, Schiller, der noch heute der Lieblingsschriftsteller der jüdischen Ladendienerinnen in Oesterreich ist, dessen Don Carlos sie, wie nach ererbtem Geschmacke, für ihr liebstes Drama erklären, weil er so sehr erhaben ist." Aus diesen Worten des pietistisch angehauchten, im übrigen feinsinnigen und kenntnisreichen Theologen klingt die Ironie und der Vorwurf nur zu deutlich heraus. Hätte er aber eine genauere Vorstellung von der ganzen Ausdehnung des Uebels, sein Tadel wäre viel schärfer ausgefallen, und er könnte ihn heute noch mit demselben Nachdruck wiederholen. Seitdem die Kenntnis des Hochdeutschen sich unter den Juden Polens und Litauens, hauptsächlich dank der Mendelssohnschen Bibelübersetzung, ausbreitete, hielt auch Schiller unter ihnen seinen Einzug. Er eroberte sich hier den Boden nur sehr langsam, behauptet aber bis heute das Feld. Seit den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war er der Liebling des Ghettos. Schiller las man hier nicht; man studierte, man „lernte" ihn, man konnte ihn auswendig, man vertiefte sich in ihn, man ,,forschte in ihm", wie man in den heiligen Schriften forschte, und man las auch in ihn tausenderlei Dinge hinein, und aus ihm heraus, ganz wie es mit den heiligen Schriften geschah. Schiller kannten junge und alte, Männer und Frauen; Jünglinge und Jungfrauen erbauten, begeisterten, berauschten, erzogen sich an ihm. Schiller war ihre heimliche Liebe, wenn sie hinter den mächtigen Talmud-Folianten im Bethamidrasch sassen, oder wenn sie hinter der Kaufmannslade standen; er war ihr Freund und Tröster, wenn sie nachher draussen im Leben von feindlichen Gewalten bedrängt wurden. Er ward „unser Schiller". Endlich mussten sie anfangen, ihn zu übersetzen. Kein deutscher Dichter, geschweige denn ein ausländischer, wurde so viel und so oft ins Hebräische übersetzt, wie Schiller. Gemeint sind nicht etwa die dilettantischen Uebersetzungen „zum eigenen Gebrauche", die jeder versemachende Jüngling — und welcher Jude im Osten hat in seiner Jugend nicht hebräische Verse gemacht! — anzufertigen pflegte. Es soll hier nur von literarisch wertvollen Leistungen die Rede sein. Allein auch von diesen ist wohl nur ein geringer Bruchteil im Druck erschienen. Gleichwohl liesse sich bequem aus den vorhandenen, überwiegend in Zeitschriften verstreuten Uebersetzungen eine hebräische Ausgabe nahezu aller bedeutenderen Gedichte Schillers, besonders der zweiten und der dritten Periode, wie auch aller seiner Dramen, bis auf drei, endlich mancher seiner prosaischen Schriften veranstalten. Einzelne sind zwei- und dreimal übersetzt worden. Beinah alle sind als wohlgelungen zu bezeichnen, aber es gibt darunter manche echte Perle der Uebersetzungskunst. Die nachfolgende Uebersicht ist vorwiegend nach dem Gedächtnis und gelegentlichen Notizen gemacht und beruht also nicht auf systematischen Untersuchungen; sie kann daher durchaus nicht den Anspruch erheben, erschöpfend zu sein. Das erste Gedicht von Schiller, welches ins Hebräische übersetzt wurde, dürfte wohl „An die Freude" sein; der Uebersetzer war Liepman Moses Büschenthal; die Uebersetzung erschien im Jahre 1817 in der Berliner Zeitschrift „Jedidi'a". Eine grössere Auswahl Schillerscher Gedichte in sehr schöner Uebersetzung veröffentlichte Dr. Meir Halewi Letteris aus Przemysl in Galizien, Wien 1852. Letteris, der sich als Lyriker einen guten Namen gemacht, lieferte (1862) auch eine Uebersetzung von Faust I. Teil, die damals zu einer weitläufigen Polemik Anlass gab. Mathias Simcha Raben er aus Lemberg, Schuldirektor in Jassy, hatte zur Zentenarfeier

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