Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1905)
- Article
- Schiller in hebräischem Gewande
- Date
- 1905-05-01
- Page
- Seite 301 - 302 (sequence 2)
- Language
- German
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301 B. Saphra: Schiller in hebräischem, Gewände. 302 und bewunderte, in. den Lauten der eigenen geliebten Sprache nochmals erklingen zu hören. Es war etwas ganz anderes, wenn man ein Gedicht in deutscher, und wenn man es in hebräischer Sprache hörte. Im ersteren Falle mochte man es noch so herrlich, wundervoll, ideal, unerreicht, ja „heilig" rinden — es war doch immer etwas Fremdes. Richtiges geistiges Eigentum, ein Stück des eigenen Ich wurde es erst, wenn man es in hebräischer Sprache besass. Uebersetzte man also ein Gedicht ins Hebräische, so nahm man davon recht eigentlich Besitz, man bemächtigte sich seiner, es wurde dadurch sozusagen geweiht, es wurde ,,unser". Die Uebersetzer waren hier also keineswegs V ermittler fremderGedanken, sie entsprachen vielmehr einem Bedürfnis nach geistigem Luxus, freilich einem Luxus von jener Art, auf die Voltaires Wort: ,,Le superflu —chose la plus necessaire" vorzüglich passt. Wenige Wochen vor Schillers Tod verstarb in Hamburg der um 39 Jahre ältere Naphthali Hirz Wessely, der Erneuerer der hebräischen Poesie. Es darf aber als sicher angenommen werden, dass Schiller von diesem seinem Zeitgenossen, obgleich er ein intimer Freund und Mitarbeiter Mendelssohns war, nie etwas gehört hat, wie ihm überhaupt die geistigen Strömungen und Kämpfe unter den Juden, selbst Deutschlands, geschweige Osteuropas, gänzlich unbekannt geblieben sein dürften. Mit geistig bedeutenden Juden ist er nur wenig und oberflächlich in Berührung gekommen, und diese wenigen haben ALPHONS LKVY. „Sabbatkugel" wohl kaum je das Bedürfnis verspürt, ihm von ihrem Judentum zu sprechen, [n seiner Jünglingszeit kannte er einen jüdischen Geldmann, der ihn jedoch nicht übermässig gerupft zu haben scheint. Nachher trat er in geschäftlichen Verkehr mit einem jüdischen Verlagsbuchhändler, über dessen Mangel an Geschäftskenntnis und Gewandtheit er sich in seinen Briefen mehr teilnahmsvoll bedauernd als entrüstet ausspricht. In Weimar kannte er einen jüdischen Hausierer und einen Bankier. Auch an einen jüdischen Medailleur in Berlin hat er einmal einen Brief gerichtet. Es war also der Jude in der landläufigen Gestalt, der ihm entgegengetreten war, und von dem er nach keinerRichtung irgend einen tiefern Eindruck empfangen konnte. Aus den abfälligen Urteilen über die Juden als Volk, die wir in seiner SendungMoses lesen, spricht nicht etwa seine perdie durchüber die sönliche Ueberzeugung, sondern schnittliche Meinung jener Zeit Juden, wie sie sich damals jedem äusserlichen und oberflächlichen Beobachter darstellen mussten. Die Behauptung einiger zopfiger Schillerphilologen, Spiegelberg und Schufterle aus den Räubern seien als Juden gedacht, ist zu albern und geschmacklos, als dass man näher auf sie einzugehen brauchte. Was damals schon unter der hässlichen und verkümmerten. Oberfläche gärte und der Teilnahme der Edelsten wohl wert war, hätte nur der wissen können, der sich, wie Lessing etwa, mit den Juden tiefer beschäftigt hatte. Dazu wurde aber Schiller nicht veran-