Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1905)
- Article
- Maimonides
- Date
- 1905-05-01
- Page
- Seite 297 - 298 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583931-2583937-2592180--05129-2592248- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
297 Dr. F. Perles: Maimonides. 298 und Bewunderung, die sich in den überschwänglichsten, .auf ihn gehäuften Ehrentiteln kundgab, man nannte ihn „den Einzigen des Zeitalters", „die Fahne der Rabbiner", „den Moses seiner Zeit", „den Erleuchter der Augen Israels", Das Werk war eben einem allgemeinen, tiefempfundenen Bedürfnis entgegengekommen, und Maimonides hatte sich in so vollkommener Weise seiner schweren Aufgabe entledigt, sein Leben stimmte auch so harmonisch mit seiner Lehre überein, dass in weiten Kreisen der Wunsch rege wurde, sein Werk zur alleinigen Richtschnur für das ganze religiöse Leben zu erheben. Es darf nicht verschwiegen werden, dass in diesem gewaltigen Werke, das dazu bestimmt war, das Judentum zu festigen, doch auch eine gewisse Gefahr für das Judentum verborgen lag. Gerade weil es an Stelle des Hin und Widers der Meinungen, wie wir es im Talmud antreffen, etwras Abschliessendes stellen, weil es endgültige Entscheidungen fällen wollte, drohte es die freie Weiterentwickelung der Lehre und des Lebens abzuschneiden. Während wir in der Bibel und dem Talmud das Werden und Entstehen der religiösen Anschauungen und Formen noch vielfach verfolgen und die geschichtlichen Zusammenhänge aufdecken können, ist in Maimonides Werke alles Individuelle und Zeitgeschichtliche verwischt, ist nicht angegeben, wann, wo, von wem und unter welchen Umständen dies oder jenes gelehrt oder befohlen wurde. Ohne Rücksicht auf den Ursprung wird jedes Gebot und jede Meinung mit dem Stempel, ewiger Gültigkeit versehen, als ob der Machtspruch eines einzelnen, wenn auch noch so hoch stehenden Menschen über das Denken und Wollen aller kommenden Zeiten entscheiden dürfte. Zum Glück aber wurde das Werk nie als verbindliches Gesetzbuch, sondern nur als wissenschaftliche Darstellung des Traditionsstoffes und Lehrinhaltes des Judentums anerkannt, so dass es nicht zur Hemmung, sondern gerade zur Belebung, Anregung und Weiterbildung des wissenschaftlichen Geistes beitrug. Die Gegnerschaft gegen ein so umwälzendes Werk liess auch nicht lange auf sich warten, und in die Stimme der Bewunderer mischte sich bald laut und überlaut die Stimme der Gegner, die teils aus kleinlichem Neid oder Fanatismus, teils auch aus ernsten Motiven das Werk aufs schärfste angriffen, dem Verfasser vorwarfen, er wolle den Talmud abschaffen und seine persönliche Entscheidung in allen noch offenen Streitfragen dem Gesamtjudentum aufdrängen. Maimonides indessen, in seiner vornehmen und friedfertigen Art, liess sich nicht bewegen, auf irgend einen dieser Angriffe zu antworten. Wenige Jahre nach dem Erscheinen des Werkes vereinigten sich verschiedene Ereignisse, um sein bis dahin durch vielfaches Missgeschick getrübtes Leben freundlicher zu gestalten. Er wurde Leibarzt in der Familie Saladins und erfreute sich besonderer Gunst bei dem edlen und gelehrten Minister Al-Fadhil, der ihm ein Jahresgehalt aussetzte und ihn auch sonst so auszeichnete, dass die mohammedanischen Grossen der Stadt Kairo seinen ärztlichen Rat suchten. Seine Praxis nahm dadurch einen solchen Umfang an, dass er seine gelehrten Studien einschränken musste. Gleichzeitig wurde ihm, dem schon Fünfzigjährigen ein Sohn geboren, daneben gewann er in Joseph ibn Aknin einen verständnisvollen Schüler, dem er später sein bedeutendstes Werk widmen sollte, und endlich wurde er durch seinen Gönner Al-Fädhil zum Oberhaupt aller jüdischen Gemeinden Aegyptens ernannt, welche Würde sich auf seinen Sohn und dann seinen Enkel vererbte. Diese hohe Stellung benützte er auch, um eine schwere Verfolgung der Juden in Jemen abzuwenden. Es ist auch wahrscheinlich auf seinen Einfluss bei Saladin zurückzuführen, dass den Juden damals wieder die Ansiedelung in Jerusalem gestattet wurde. All diese Verdienste als Arzt und Gelehrter, als Rabbiner und Anwalt der Juden würden schon genügen, um Maimonides einen Platz unter den ersten Juden aller Zeiten zu sichern, und doch treten sie alle zurück, ja verschwinden beinahe vor der Leistung, die ihm weit über den Kreis des Judentums hinaus für alle Zeiten einen ehrenvollen Platz in der Geschichte des menschlichen Denkens sichert. Es ist sein 1190 vollendetes, in arabischer Sprache abgefasstes religionsphilosophisches Werk Dalalat al-Chä'irin, bekannter unter dem hebräischen Titel More Ne buch im, d. h. ,,Führer der Verirrten". In seinem Werke, das er zunächst nur für seinen Lieblingsschüler Joseph ibn Aknin geschrieben hat, stellt er sich die Aufgabe, das Judentum, wie es sich seinem Geiste darstellte, philosophisch zu begründen und seine völlige Uebereinstimmung mit der Vernunft zu erweisen. Wohl hatten schon vor ihm im Altertum Philo und im Mittelalter die verschiedenen Religionsphilosophen von Saadia bis Abraham ibn Daud sich die gleiche Aufgabe gestellt, aber alle ihre Werke zusammen konnten nicht entfernt einen ähnlichen Einfluss auf die geistige Entwicklung; des Judentums gewinnen. Keiner von ihnen umspannte in seinem Geiste ein solches Wissensgebiet, noch besass er die gleiche schöpferische Geisteskraft und logische Schärfe, noch die strenge Konsequenz im Durchdenken und wohltuende Offenheit im Bekennen seiner Anschauungen. Die Wahrheit der Thora stand ihm so unverbrüchlich fest, wie die Wahrheit der Einsichten, zu denen der menschliche Geist durch logisches Denken gelangt, und vor allem die Wahrheit dessen, was Aristoteles gelehrt hat. Aristoteles und die Thora sind ihm zwei gleich wertvolle und gültige Quellen der Offenbarung und können darum nichts Widersprechendes lehren. Zwischen dem richtig verstandenen Bibelwort und der wissenschaftlichen Erkenntnis kann kein Widerspruch bestehen. Wo ein solcher doch scheinbar besteht, da liegt