Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1905)
- Article
- Maimonides
- Date
- 1905-05-01
- Page
- Seite 295 - 296 (sequence 4)
- Language
- German
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295 Dr. F. Perles: Maimonides. 296 Bei Lebzeiten des Verfassers wurde nur ein kleiner Teil des Werkes ins Hebräische übersetzt, und erst ein Jahrhundert nach seinem Tode war das ganze Werk von verschiedenen Uebersetzern ins Hebräische übertragen. Nun erst war es den gelehrten Talmudisten aller Länder zugänglich und wurde in seinem ganzen Werte erkannt, es blieb durch die Jahrhunderte ein unübertroffenes Hilfsmittel zum Verständnis der Mischna und ist dann seit Erfindung der Buchdruckerkunst allen Talmudausgaben beigedruckt worden. Schon wenige Jahre nach dem Erscheinen des Werkes sollte es sich zeigen, welches Ansehen und Vertrauen der noch junge, mit keiner offiziellen Würde bekleidete Maimonides schon ausserhalb Aegyptens genoss. In Jemen war eine schwere Religionsverfolgung über die Juden hereingebrochen, und wie früher im äussersten Westen in Fez, so mussten sie jetzt im äussersten Osten, um ihr Leben zu retten, sich äusserlich zum Islam bekennen. Die Gemeinden wandten sich nun durch ihren gelehrtesten Vertreter an Moses um Rat in ihrer traurigen Lage. Maimonides antwortete in einem Trostschreiben, in dem er sie zum Ausharren ermutigt und sie besonders darauf hinweist, dass die Feindschaft aller Völker gegen Israel gerade der beste Beweis für die Göttlichkeit seiner Lehre sei, denn sie kämpften eben gegen das Göttliche in ihm. Dieser Kampf müsse aber immer mit dem schliesslichen Siege des Göttlichen enden. Sie sollten daher die Leiden nur als eine vorübergehende Prüfung betrachten und nicht an ihrer Aufgabe irre werden. Seit jener Zeit wurden immer häufiger Anfragen aus den verschiedensten Gegenden an ihn gerichtet, die er immer gewissenhaft beantwortete. Durch einen glücklichen Zufall besitzen wir sogar noch mehrere seiner Gutachten, die in der Genisa der S)magoge in Kairo aufbewahrt wurden und jetzt in Oxford liegen, in Urschrift. Tm Jahre 1177 wurde Maimonides offiziell als Rabbiner von Kairo anerkannt. Gleichzeitig übte er weiter seinen ärztlichen Beruf aus. Denn damals war das Rabbinat noch unbesoldetes Ehrenamt, und der Rabbiner musste darum, wenn er nicht gerade reich war, durch eine andere Tätigkeit sich seinen Unterhalt verschaffen. Kein Beruf erschien würdiger und besser vereinbar damit, als die Ausübung der Heilkunde, und so sehen wir eine grosse Anzahl der bedeutendsten Rabbiner des Mittelalters gleichzeitig als Aerzte teilweise am Hofe von Kaisern und Päpsten, oder auf Kathedern von Hochschulen. Im Jahre 1180 vollendete er sein zweites grosses Werk, an dem er nicht weniger als zehn Jahre gearbeitet hat, seinen in hebräischer Sprache verfassten Religionskodex Mischne Thora oder Jad hachazaka. In diesem mächtigen, aus 14 Büchern bestehenden Werke unternimmt es Maimonides, den gesamten Inhalt des Judentums, seine Lehren und seine Gebote, in übersichtlicher Ordnung darzustellen und mit philosophischem Geiste zu durchtränken. Was in Bibel,. Talmud und Schriften der Geonim an tausend Stellen zerstreut stand, ist hier systematisch gruppiert, unter allgemeine Gesichtspunkte gebracht, mit passenden Ueberschriften versehen und so aus dem chaotisch durcheinander gewirbelten, kaum übersehbaren Material ein abgerundetes Bild gewonnen. Was in ermüdenden, seitenlangen Diskussionen erörtert worden war, ohne dass ein Resultat für die Praxis sich ergeben hatte, ist hier in wenigen Sätzen zusammengefasst und durch eine endgültige Entscheidung geklärt. Was durch eine gewaltsame Verrenkung des ursprünglichen Sinnes eines Bibelwortes abgeleitet worden war, wurde jetzt nicht mehr durch Anlehnung an irgend einen weithergeholten Vers, sondern durch logische Schlussfolgerung als richtig erwiesen. Was sonst als Halacha und Haggada ohne inneren Zusammenhang und scheinbar voneinander losgerissen war, wurde jetzt organisch miteinander verbunden: das Gebot der Gotteserkenntnis, wie die Lehren des Rechts und der Sittlichkeit, wie die Zukunftshoffnungen des Judentums sind in seinem Werk aufs innigste mit den Zeremonialgesetzen, mit den Vorschriften über Gottesdienst, Sabbat- und Festfeier, erlaubte und verbotene Genüsse verknüpft, und das Ganze vom Geiste ernster und echter Wissenschaftlichkeit erfüllt. Wo er nur Gelegenheit findet, streut er Bemerkungen über die Berechtigung und Notwendigkeit wissenschaftlichen Studiums ein: wo er vom Festkalender spricht, gibt er einen Abriss der Astronomie, wo er die hygienischen Vorschriften behandelt, verherrlicht er die Heilkunde, und wo er die Erkenntnis Gottes als oberste Pflicht des Menschen erklärt, bezeichnet er die Beschäftigung mit der Philosophie als wahren Gottesdienst und als gleichwertig mit dem Talmudstudium. Und aus diesem wissenschaftlichen Sinne heraus erklärt es sich, dass er den Aberglauben, in welcher Form er auch immer auftrat, sei es Mystik oder Magik oder Astrologie, als Götzendienst verdammte. So bildete sein Werk gleichsam einen Abschluss der ganzen gewaltigen Geistesarbeit, die jüdische Denker und Gelehrte seit dem Altertum auf die Aufhellung des Judentums und die Reinhaltung seiner Lehre verwandt hatten. Kaum war das grosse Werk vollendet und der Oeffentlichkeit übergeben, da wurde es auch schon in Abschriften vervielfältigt und drang sofort in alle Länder, wo Juden lebten, so dass Maimonides zehn Jahre später selbst sagte, es sei bis ans Ende der bewohnten Welt gedrungen. Wir besitzen noch heute eine Reihe mit verschwenderischer Pracht ausgestatteter Handschriften des Werkes, und, abgesehen von liturgischen Büchern, ist überhaupt kein jüdisches Werk im Mittelalter so häufig Gegenstand künstlerischer Ausschmückung geworden. Von allen Seiten erntete der Verfasser begeisterte Zustimmung