Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1905)
- Article
- Maimonides
- Date
- 1905-05-01
- Page
- Seite 299 - 300 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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299 Dr. F. Perles: Maimonides. 300 es an unserem mangelhaften Verständnis des Bibelwortes, das wir zu buchstäblich aulfassen, und in dessen tieferen Sinn wir nicht eingedrungen sind. Er bringt also nicht die Vernunft vor den Richterstuhl des Bibelbuchstabens, sondern den Bibelbuchstaben vor den Richterstuhl der Vernunft und hat dadurch eine Freiheit des Geistes selbst gezeigt und anderen gewiesen, wie sie das Mittelalter bis dahin nicht gekannt hat. Maimonides machte vollen Ernst mit der schon biblischen Lehre, dass die höchste religiöse Pflicht im Streben nach Gottes er kenntnis liege, und dass daher die geistige Vervollkommnung des Menschen Zweck und Ziel der Religion sei. Charakteristisch für seinen Wahrheitsmut ist die Stelle: „Ueberhaupt bin ich der Mann, der, wenn es ihn drängt und er nicht anders kann, als eine sicher erwiesene Wahrheit derart auszusprechen, dass sie einem ausgezeichneten Menschen zusagt, während sie zehntausend Unwissenden missfällt, es vorzieht, sie diesem Einen mitzuteilen, ungeachtet des Tadels dieses grossen Haufens." (Ed. Münk I, 9b unt.) Das grosse Werk, dessen arabisches Original erst seit wenigen Jahrzehnten durch Salomon Münk herausgegeben ist, zerfällt in drei Teile. Im ersten Teile des Werkes sucht Maimonides die sogenannten Anthropomorphismen, als bildliche Ausdrucksweisen zu erklären. So wie schon der Talmud den Grundsatz aufgestellt hat, „die Thora redet in menschlicher Sprache", um dadurch manche Auffälligkeiten des Bibelwortes zu beheben, so erweitert Maimonides diesen Grundsatz und erklärt, dass überall, wo von Gottes Sehen, Hören, Sprechen, Gehen, Sitzen, Ruhen u. a. gesprochen wird, die buchstäbliche Auffassung unzulässig sei, da sie im Widerspruch mit der jüdischen Auffassung vom Wesen Gottes stehe. Vielmehr seien diese Ausdrücke nur gewählt, um dem Verständnis der Menge entgegenzukommen, die nicht imstande sei, in abstrakten Begriffen zu denken. Im Zusammenhang damit erklärt er es als überhaupt unzulässig und unmöglich, Gott irgend ein positives Attribut beizulegen, das sein Wesen und seine Eigenschaften ausdrücken solle, denn jedes Attribut, das wir aus unserer beschränkten Erfahrung heraus Gott beilegen, schmälere seine Einheit und Vollkommenheit. Wir dürfen daher ihm nur solche Attribute beilegen, die uns sein Wirken auf Erden darstellen sollen, aber nicht sein eigentlichen Wesen berühren, also beispielsweise gnädig, gerecht, barmherzig, gütig. Der zweite Teil des Werkes sucht vom Standpunkt der damaligen Naturwissenschaft aus Beweise für die Schöpfung aus dem Nichts und für die Existenz und Einheit des Schöpfers zu bringen. Wichtiger noch und folgenschwerer ist aber seine Auffassung von der Prophetie, die er nicht alsein überirdisches Wunder, sondern als eine jedem Menschen durch stetige innere Vervollkommnung erreichbare und darum zu erstrebende geistige Stufe erklärt. Der Gesetzgeber Moses habe diese höhere Stufe nur dadurch erreicht,dass er sich ganzvon den Banden der Sinnlichkeit und der Phantasie freigemacht habe. Die den verschiedenen Propheten zuteil gewordenen Erscheinungen seien nicht als wirkliche Tatsachen, sondern als innere Vorgänge, als Produkt ihres lebhaften Vorstellungsvermögens zu betrachten. Nicht Wunderwirkungen seien ein Beweis für die Untrüglichkeit eines Propheten, sondern der Inhalt seiner Lehre. (Schluss folgt.) SCHILLER IN HEBRAEISCHEM OEWANDE. Von B. S Nachdruck nur mit genauer Das hatte er sich wohl kaum je träumen lassen, dass seine Lieder in der uralten Sprache des Judenvolkes erschallen würden. Wenn König David käme und die Sänger der Psalmen, wenn die Propheten Israels kämen, sie brauchten nicht erst Deutsch zu lernen, um den Dichter des Liedes an die Freude zu verstehen, denn das Herrlichste von dem, was er geschaffen, es würde ihnen in hebräischen Klängen entgegentönen. Wer einmal die Geschichte der modernen hebräischen Literatur, etwa seit der Mitte des 18. Jahrhunders, schreiben wird, die in Deutschland ihren Anfang nimmt und sich in Polen fortsetzt, der wird den Uebersetzungen, besonders denen aus dem Deutschen, ein besonderes Kapitel widmen müssen, — freilich weniger aus literaraphra. Quellenangabe gestattet. historischen, als aus volkspsychologischen Gründen. Die Uebersetzungen, namentlich deutscher Dichterwerke, entsprangen nämlich nicht dem Bedürfnis, die Leser mit diesen Werken bekannt zu machen, denn das literarisch interessierte jüdische Publikum verstand fast durchweg Deutsch, las eifrig deutsche Bücher und brauchte nicht erst die guten Dienste der Uebersetzer abzuwarten, um sich die hervorragendsten Schöpfungen der deutschen Dichter anzueignen. Die Uebersetzer hätten sich also die Mühe sparen können. Wenn sie dennoch so viel Geist, Formkunst und Fleiss auf diese immerhin wenig dankbare Arbeit verwandten, so geschah dies lediglich aus dem seelischen Drange heraus, das, was man vom Weik eines deutschen Dichters besonders liebte-