Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 4 (April 1905)
- Article
- Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt
- Date
- 1905-04-01
- Page
- Seite 285 - 286 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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285 Bar-Ami: Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt. 286 schlafen, und am nächsten Morgen teilte er ahermals sein Brot mit dem Hund. Dasselbe tat er auch am Abend. Dann sprach er die Havdalah und gab dem Hund die Ueberreste vom Wein zum Ablecken. Da begann der Hund in menschlicher Sprache zu reden und sagte folgendes: „Wisse, dass ich Dir meine Erlösung verdanke. Ich war einmal ein Mensch w,'e Du, und mein Leben lang ein arger Sünder. Ich sammelte Reichtümer ohne Unterlass, reichte aber nie einem Armen eine Gabe, und Hess Hungrige ungesättigt von meiner Schwelle. Nach meinem Tode wurde ich im Himmel dazu verdammt, dass meine Seele so lange in dem Leib eines Hundes wohne, bis ein guter Mensch mir einen Bissen Brotes reicht, über das er den Segen gesprochen. Alle meine Schätze, über die ich beim Leben keine Gewalt hatte, holten die Schedim (böse Geister) und vergruben sie unter einem Baum, und bewachen sie bis zur Stunde, da meine Seele aus diesem Gefängnis befreit wird. Jetzt habe ich ein Recht, über sie zu verfügen, und schenke sie Dir allesamt." Er führte ihn tief in den Wald hinein, wo eine alte, ausgehöhlte Eiche stand. Der Hund lehnte sich an den Baum und warf ihn um, und darunter in einer Grube erglänzte Gold und Silber und Edelsteine. Der Chassid sammelte alles zu Häuf und tat es in einen Sack. Darauf streckte der Hund sich aus und fing an zu röcheln und Seufzer auszustossen mit menschlicher Stimme, ganz, wie wenn eine Menschenseele aus dem Körper scheidet. Schliesslich war er tot, und der Chassid sah ein blaues Flämmchen in die Ferne entschwinden. Das war die Seele, die erlöst wurde. Auf Geheiss des Zaddik erbaute der Chassid für die Hälfte der Schätze ein Krankenhaus und eine Synagoge. Anmerkung. Diese Erzählung bildet einen Nachhall des ehemaligen Zwistes zwischen den Cassidim und Misnagdim, der sich bis in die engsten Familienkreise verpflanzte. — Die Seele in Gestalt eines blauen Flämmchens kommt auch sonst in jüdischen Volkserzählungen vor. * * * In letzter Stunde. Als der Rabbi auf dem Totenbette lag, kamen die Jünger hinein, um ein letztes Mal sein Antlitz zu schauen, seinen Segen zu empfangen und von ihm Abschied zu nehmen. Wie gross war ihr Staunen, als sie das Bett des Meisters umgaben und bemerkten, dass sein Angesicht von Tränen Übergossen war. Er weinte! Sie erfasste ein Staunen und eine Angst, da sie sich nicht erklären konnten, woher dieser Ausbruch der Trauer in solch feierlicher Stunde käme, da ihr Lehrer vor dem Antlitz Gottes erscheinen sollte. Sie standen ratlos und verzweifelt da, schliesslich fasste sich der jüngste unter ihnen, der ein Liebling des Rabbi war, ein Herz, trat an den Sterbenden heran und redete ihn folgendermassen an: „Rabbi, weshalb weinst Du? Tut es Dir leid, diese eitle, irdische Welt zu verlassen und diesen Körper von Staub, in dem Du gefesselt bist? Hast Du nicht selber hei Lebzeiten Dich nach der Vereinigung mit Gott gesehnt und uns gelehrt, dieses flüchtige irdische Dasein zu verachten? Oder hast Du vielleicht an der Gnade Gottes verzweifelt, und es überkommt Dich eine Angst bei dem Gedanken an das himmlische Gericht? Oder hast Du noc'h etwas in diesem Leben zu vollbringen, was Du keinem übertragen kannst, und darum beschleicht Dich eine solche Trauer, dass Gott Dich zu sich ruft? Antworte, belehre und kläre uns auf, denn wir sind durch Dein Weinen in der Seele gerührt und verwirrt, und wissen nicht, was wir anfangen und wie wir fortan leben sollen." Der Meister wischte sich die Tränen aus den Augen und antwortete wie folgt: „Ich weine nicht, als ob es mir leid täte, die Wonnen dieser irdischen Niederungen zu verlassen, die ja nur eine Vorhalle der künftigen Welt sind, wo erst das wahre und echte Leben beginnt. Auch die Strafen, die mich in der anderen Welt erwarten, fürchte ich nicht, denn so gross auch der Zorn Gottes für meine Sünden sein mag, seine Gnade ist noch grösser. Auch lasse ich hier kein unvollendetes Werk zurück. Was ich vollbringen sollte, habe ich vollbracht, ich könnte in Ruhe von dannen gehen. Aber ich bedaure, Gottes Welt verlassen zu müssen, die so schön ist, dass man in einem kurzen Augenblick, durch eine einzige Tat, durch einen einzigen Gedanken, wenn man einem Hungrigen einen Bissen Brot reicht, einem Unglücklieben eine Träne spendet oder ein einziges Mal sich nach Gott sehnt — sich die ganze Seligkeit jener Welt verdienen kann. Ihr wisst ja, wie es gesagt wurde: Schöner ist ein einziger Augenblick des Lebens in der Seligkeit jener Welt, als ein ganzes langes Leben im Diesseits; doch schöner ist ein einziges, der göttlichen Lehre und den guten Taten geweihtes Stündchen im Diesseits, als die ganze selige Ewigkeit im Jenseits." * * * Anmerkung. Diese tiefsinnige, für die jüdische Auffassung vom Tode äusserst charakteristische Sage hörte ich auf den Namen des Wilnaer Gaon erzählen. Doch ist sie auch unter den Chassidim verbreitet, die sie verschiedenen ihrer Heroen vindizieren, u. a. sogar dem Baal-Schern. LITERARISCHES, MISCELLEN. Dr. Caesar Seligmann: Judentum und moderne Weltanschauung. Fünf Vorträge. Frankfurt a. M. Verlag von J. Kauffmann. Das ausgezeichnete Buch behandelt das Verhältnis des Judentums zu den fünf Hauptrichtungen der zeitgenössischen Weltanschauung, wie sie unter den Gebildeten am meisten verbreitet sind, nämlich zu der Naturwissenschaft, zum Pantheismus, zum Pessimismus Schopenhauers, zu Nietzsches Antimoralismus und zu der religionslosen Morallehre, wie sie namentlich von den bekannten Gesellschaften für ethische