Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 4 (April 1905)
- Article
- Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt
- Date
- 1905-04-01
- Page
- Seite 283 - 284 (sequence 2)
- Language
- German
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283 Bar-Ami: Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt. 284 ging er nach, es kam aus einem Hause, wo eine Bäckerei war. Er klopfte an, und da er sehr hungrig war, bat er um ein Stück Brot. Wie er dasass und die Gabe verzehrte, kam ein kräftiger, hochgewachsener Bursche in die Stube, setzte einen grossen Korb aut den Boden und händigte dem Bäcker den Erlös für das verkaufte Gebäck ein. Der Ankömmling fragte den Bäcker, wieviel solch ein Gebäckausträger den Tag verdiene, der Bäcker sagte, so und so viel. Nun fing der junge Gelehrte an, den Bäcker zu bitten, dass er auch ihn in Dienst nehme. Doch jener weigerte sich: „Ihr seid ein zartes Kind in Seidengewändern, ihr seid zu was Besserem geboren, als zu solch grober Arbeit. Was könnte ich mit euch anfangen?" Doch jener liess sich nicht abweisen und bat in einem fort: „Ich werde euch treu dienen, werde keine harte Arbeit scheuen. Nehmt mich nur an." Der Bäcker gab nach. Nun zog der junge Gelehrte den Seidenrock aus, zog eine grobe Jacke an, umgürtete sich mit einem Strick, nahm den Korb auf die Schultern und fing an Gebäck auszutragen. Das ging so eine Zeitlang. Einmal war Soldatenaushebung. In der Stadt wusste man, dass beim Bäcker ein Hergelaufener, ein ziemlich starker Kerl diente, und man nahm ihn ohne viel Federlesens zu den Soldaten. Bei den Soldaten jedoch hatte er; Glück, man machte ihn bald zum Gefreiten, dann zum Wachtmeister, schliesslich brachte er es zum General. Es erging ihm sehr gut, er hatte Orden und allerlei Ehren, aber im Herzen trug er doch die Sehnsucht nach der Heimat und den Seinigen. Einmal brach ein Krieg aus. Da befahl der Kaiser unserm General, die Soldaten zu führen, weithin, nach einem anderen Land. Und der Weg führte ihn durch seine Heimatstadt, wo der alte Rabbi wohnte. Unser General kommandierte: „Halt!" und dachte bei sich: ich will mal hineingehen und nachsehen, was der Alte macht. Sowie er die Schwelle übertrat, er-' blickte er sich in der Seidenbekesche mit dem Käppchen auf dem Haupt. Der Rabbi hatte eben seine „Thora" beendet und rief: „Nun lasst Wasser zum Händewaschen herumreichen und lasst uns das Tischgebet sprechen." Der junge Mann erschrak und stand verwirrt und beschämt da. Der Rabbi musterte ihn und sprach: „Nun, mein Kind, gelüstet es Dich noch immer, nach Aegypten zu reisen, um die unreinen Künste und Wissenschaften zu studieren?" Am Sonntag gab ihm der Rabbi beim Abschied seinen Segen und sprach: „Fahre heim, widme Dich, wie bisher, dem Studium der heiligen Lehre und bleib ein frommes Kind." Der Schwiegervater war nicht wenig erstaunt, als er seinen Eidam plötzlich wiedersah. Dieser ei zählte ihm die ganze Wahrheit, tat Busse und blieb sein Leben lang ein gottesfürchtiger Mann. Anmerkung. Das vorliegende Märchen gehört zu einer besonderen Gruppe, in der das ganze menschliche Leben als der wesenlose Inhalt eines Traumes dargestellt wird. Ebenso wie sein Gegenstück, in welchem ein Mensch, ohne es zu merken, Jahrhunderte verschläft (von diesem findet sich eine Variante, deren Held Choni Hammeaggel ist, bekanntlich schon im Talmud), stammt aus dem Orient. Bekanntlich vollendet Mohammed seine Reise durch alle sieben Himmel, während sein im Umfallen begriffener Krug den Fall nicht vollenden kann. Eine Version des vorliegenden; Märchens ist, wenn ich mich nicht irre, irgendwo in der chassidischen Literatur bereits literarisch fixiert. * * * Die Seele des Hundes. Es war einmal ein reicher Mann, der war ein verbissener Misnaged.1) Er hatte eine einzige schöne Tochter, und für die suchte er einen Bräutigam. Er fuhr von einer Jeschiba zur anderen, bis er den gelehrtesten und besten Bachur fand. Diesen wählte er zum Schwiegersohn. Nach der Hochzeit stellte es sich jedoch heraus, dass dieser ein ebenso eifriger Chassid war, als der Schwiegervater ein hitziger Misnaged. Es entstanden nun Streitigkeiten in der Familie, wie es bei solchen Fällen häufig der Fall zu sein pflegt. Doch der junge Mann beschloss, den Alten zu bekehren; er" erzählte ihm von den zahlreichen Wundern, die die Zaddikim allzeit vollbracht, und fing an, ihm zuzureden, er solle doch wenigstens einmal zum Rabbi pilgern. Die Zureden halfen; der ehemalige Misnaged verwandelte sich nach und nach in einen gläubigen Chassid. Doch in demselben Masse, als seine Gläubigkeit zunahm, verringerte sich sein Wohlstand, seine Unternehmungen sanken, und schliesslich wurde er ganz arm. Nun bedauerte er sehr, sich mit dem Zaddik und seinen Chassidim eingelassen zu haben, denn er betrachtete sein Unglück als eine Strafe Gottes dalür, dass er seiner ehemaligen Frömmigkeit untreu geworden war. .Er quälte seinen Schwiegersohn gar sehr, da dieser ihm ja zum Abfall beredet und so viel Unglück schon aut dieser Welt über ihn heraufbeschworen hatte. In seinem Kummer pilgerte der junge Mann zum Rabbi, um in seiner Nähe Trost zu finden. Als er vor das Antlitz des Rabbi trat, fing er an bitterlich zu weinen. „Nicht genug, dass ich jetzt verarmt bin,- muss ich noch dem Jammer ' des alten Mannes zusehen und seine Vorwürfe anhören, gegen welche ich mich nicht verteidigen kann, da der Schein gegen mich spricht." Der Zaddik hörte ihn zu Ende und sprach kein Wort. Als der junge Mann Abschied von ihm nahm, bat er, der Zaddik möchte ihn segnen. Dieser gab ihm die Hand und sprach einfach: ich wünsche Dir einen glücklichen Weg. Der Chassid trat getröstet den Rückweg an und hegte in der Seele die feste Hoffnung, dass ein Wunder geschehen werde. Unterwegs verirrte er sich und geriet in einen dichten Wald. Er ging und ging, bis er endlich zu einer verfallenen Hütte gelangte. Vor der Schwelle lag ein grosser, kräftiger Hund, der sehr gefährlich aussah. So oft. ein Tier vorbeikam, stürzte er sich, darauf und riss es in Stücke. Unsern Chassid beschließ eine grosse Angst, und er meinte, Frau und Kinder würden ihn nicht mehr lebendig wiedersehen. Aber der Hund kam unterwürfig auf ihn zu, winselte und wedelte vor ihm und lud ihn durch Bewegungen in die Hütte zu kommen. Als der Chassid das sah, gewann er seine Sicherheit wieder und trat ein. Er ruhte. sich ein wenig aus, und da es am Freitag vor Abend war, wusch er sich, betete, dann setzte er sich zu Tische, um das erste Sabbatmahl zu nehmen. Er nahm aus dem Sack die Sabbatbrote hervor, sprach die Berachah über sie, schnitt sich ein Stück und -ass, den Rest aber gab er dem Hund. Dieser frass das Brot begierig auf und wich nicht von der Seite des Chassid. Dieser legte sich dann 3) Misnaged (Mithnagged) Gegner der Chassidim und ihrer Lehren.