Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 4 (April 1905)
- Article
- Die Jüdin
- Date
- 1905-04-01
- Page
- Seite 271 - 272 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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271 Ysaye: Die Jüdin. M^r Bedikath chamez. Aufräumen des Gesäuerten vor Pessach. (Nach einem alten Stich im Besitze des Herrn Louis Lamm in Berlin. S. Notiz am Schluss des Heftes.) auf diese wundervolle Stimme gehört und den hässlichen niederen Auftritt vergessen, und der Massoni fing an, sich aufzurichten und zu strahlen. Und während sie das herrliche Brahmslied siDgt: „Wie bist Du, meine Königin, durch sanfte Güte wonnevoll" (sehr passend für all' die Weiber übrigens, nicht?), kommt leise, unangemeldet, um die Sängerin nicht zu stören, der Clou des Abends, die Ueberraschung, die Auszeichnung für den Günstling Massoni, der Erzherzog Franz Carl. Er hat allen Begrüssenden abgewinkt und sich still in eine Ecke gesetzt und zugehört, und gefallen nat's ihm, das sah man ihm an. Und als der letzte Ton verklungen war, stand er auf, klatschte und rief: „Bravo, herrlich, liebe Gräfin, wollen Sie mich nicht mit dieser begnadeten Künstlerin bekannt machen?" Na, peinlich war es ja für die Weisbach, aber sie ging doch rasch auf die Rothstein zu. Und da tritt diese schreckliche taktlose Person einen Schritt zurück und sagt: „Liebe Gräfin, warum sagen Sie denn der Kaiserlichen Hoheit nicht auch: das ist die Jüdin Rebecca Rothstein?" Da waren wieder einmal alle still, der ganze weihevolle Eindruck des Gesanges war hin, und der Massoni ist wieder klein geworden, und der Erzherzog, der natürlich was gspannt hat, sagt: „Ah, sehr interessant." Und da fährt die Rothstein wieder auf: „Ja, nicht wahr, Kaiserliche Hoheit, sehr interessant, eine lebendige Jüdin zu sehen", und siehst, Antschi, da hat sich der hohe Herr, der doch nicht sehr gescheit ist, wieder einmal in seiner ganzen Güte und Herzlichkeit gezeigt. Er lachte ein bisschen. „Das nicht, liebe Frau Rothstein. Nicht die Jüdin, aber so eine Jüdin, das ist mir interessant." Und Frau Renee sah mit einem Mal noch tausendmal schöner aus und sagte: „Oh, Kaiserliche Hoheit, wofür hasst man uns denn?" Und dann machte sie dem Erzherzog eine sehr tiefe und sehr formvollendete Verneigung und ging hinaus, ohne uns alle eines Wfortes oder Blickes zu würdigen. Nicht einmal verachtend hat sie uns angeschaut; wir waren einfach nicht da, gar nicht auf der Welt, existierten nicht für sie. Und wie der letzte Schimmer ihres weissen Gewandes verschwunden war, hat sich der Erzherzog wieder der Weisbach zugewendet, reichte ihr den Arm zum Souper und sagte ganz harmlos und wohlwollend: „Na, liebe Gräfin, ist Ihnen ausser der Frau Rothstein auch sonst noch viel Schönes in letzter Zeit begegnet?" Der Massoni und wir andern haben noch alles Mögliche andern Abend aufgestellt, aber die Stimmung war