Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 4 (April 1905)
- Article
- Die Jüdin
- Date
- 1905-04-01
- Page
- Seite 269 - 270 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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269 270 DIE JUEDIN. Eine Wiener Skizze. Von Ysa)-e. Nachdruck verboten. Paul Dumba kam erst spät am Nachmittag fröstelnd, verschlafen und ein bisschen verstimmt zu seiner Schwester. „Geh Antschi", sagte er, „sei froh, dass Du nicht mit dabei warst. So eine Influenza ist manchmal auch ganz gut; es war direkt ein Skandal, und das Blödeste dabei ist, mir ist noch immer nicht klar, wer sich eigentlich blamiert hat, der Franz Massoni oder die Mizzi Weisbach oder die Jüdin. Gott, von dem Franz war's ja von vornherein eine komische Idee, er hätte sich wirklich das alles denken können, aber da hiess es immer: „es ist doch mein Privatball, und ich kann wen ich will bitten, meine Gäste zu empfangen", und da hat er richtig neben der Gräfin Weisbach und der Fürstin Paulin' auch Frau Renee Rothstein als Patroness' gebeten. Er hat mir allein gesagt, sie hat erst nicht wollen, aber da hat er gewiss so eindringlich gebeten und ihr immer wieder vorerzählt, dass er bei dem ganzen Fest eigentlich nur an sie gedacht hat, dass er sie durch sein Haus gehend träumte, Hausfrau spielend auf ein paar kurze Stunden, und dass vielleicht grad diese paar Stunden mit das Köstlichste sein könnten, was ihm das Leben überhaupt zu bieten hat. Na, Antschi, Uu weisst ja allein, wie der Franz daherreden kann; am End' hören die Frauen gar nicht mehr auf die Worte, sondern lassen nur noch den Ton der Stimme auf sich wirken, wie eine autreizende und bezwingende Musik. Und so hat Frau Renee Rothstein ihre Bedenken fahren lassen und hat ja gesagt mit Mund und Hand und Augen und hat sich auf den Massoni-Ball sicher mehr gefreut als all seine anderen Gäste. Weisst, Antschi, ich haV ihn ja bis zur letzten. Stund' gewarnt, aber er Hess sich nichts sagen. Einmal schrie er mich sogar an: „Was willst Du eigentlich? Frau Rothstein ist eine exzellente Künstlerin, eine wirkliche Schönheit und von tadellosem Ruf. Na und Geld hat sie auch; also stop, bitte. Und übrigens macht es mir sehr viel Spass, so ein paar Weiberkatzen aufeinanderzuhetzen. Ich versprech mir grad davon ein besonderes Amüsement!" Na, da war nichts mehr zu machen als zu zitieren: Unheil, nimm deinen Lauf und ähnliches. Wenn ich ein Journalist war', wüsst' ich mehr so Verseln, aber Gott sei Dank — — Na also gestern abend war ich schon zeitig da, um mir seine Arrangements vorher ein bissei anzuschau'n. Alles natürlich prachtvoll, apart, kurz first class. Schliesslich warum nicht, er hat's ja dazu. Kein alter Adel, aber ein glänzender. Nach und nach sind die Gäste gekommen, lauter fade Männer, und lauter schöne Frauen; alle so ein bischen weich und zärtlich und schmiegsam, manche vielleicht eine Idee zu fett. So Anfang vom Orient halt: noch nicht Harem und doch nicht mehr unnahbar. Ich bin nach und nach aufgelebt, hab' da und dort ein bissei geflirtet und war gerad ganz lustig und vergnügt, als Renee Rothstein erscheint. Schön, sag' ich Dir, Antschi! Im Konzertsaal hab' ich das ja nie so gefunden, da war sie mir immer zu sehr Künstlerin, ich hab' das Menschliche da stark vermisst. Aber da! Sie strahlte einfach. Na, der Massoni führt sie der Paulin' und der Weisbach zu, aber die beiden grüssen kaum und lassen dann das arme Hascherl einfach stehen. Andere gehen vorbei, lorgnettieren sie, die Herren stossen sich an, aber keiner spricht ein Wort zu ihr. und die schöne Frau steht da an der Wand wie an einem Pranger. Der Franz war überall, nur nicht bei ihr. Vom Spass am „Aufeinanderhetzen" hat man wenig gespürt, er sah nur geduckt und verlegen aus, und Hess seine reizende Flamme schmählich im Stich. Weisst Antschi, eine gewöhnliche, ich mein' eine schwächere Frau hätt' einfach losgeheult, aber die Rothstein bewahrte Haltung; tadellos muss ich sagen. Ganz ruhig stand sie da und hat nur ein bischen hochmütiger ausgeschaut, als es unbedingt notwendig gewesen wär, und keiner könnt' ihr etwas von Beschämung und Kränkung anmerken. Schau, Antschi, wenn einer Frau so etwas passiert — ich hab's ja erst einmal erlebt, aber ich denk', das muss immer so sein — da vergisst sie alles Angelernte und Nachgemachte, und trotz der schönsten Kleider steht sie doch wie nackt vor den Menschen. Siehst', so ein Gefühl hab' ich auch gestern vor der Renee gehabt. Ganz ohne Hüllen stand sie da und sah über uns alle hinaus in ferne Länder und hat in ihrer Demütigung und Blosse königlich gewirkt. Sie hat halt doch Rasse, und Rasse muss man haben und haben wollen, sonst ist man einfach ein Kalfakter. — Na, und wie die Rothstein da steht und die anderen sie begaffen und betuscheln, da kommt so zu allerletzt wie gewöhnlich die Evy Ellissen, die Nichte von der Weisbach, an. Alle haben sich um sie gedrängt, bitt' Dich, englisch, darauf fliegen wir ja in Wien, und jeder will sich vorstellen lassen, und zu allen ist sie lieb und gnädig, und auf einmal steht sie der Frau Renee gegenüber und sagt: „Bitte, Tante, willst Du mich nicht vorstellen?" Einen Moment ist alles still, und dann antwortet die gute Mizzi laut und schneidend: „Das ist die Jüdin Rebecca Rothstein." — Weisst', Antschi, im Augenblick war ich paff, ich hatt' nur so den flüchtigen Gedanken: „Gott, was für eine ordinäre Köchinnen-Stimme diese Weisbach hat", dann seh' ich, wie Evy sich verneigt und der blassen Frau die Hand reicht, und wie der Massoni, in dem sich endlich einmal die erbärmliche Feigheit ein bissei versteckt, neben den beiden steht und sagt: „Frau Rothstein ist eine unserer ersten Künstlerinnen, Baronin, vielleicht schenkt sie uns jetzt ein paar Lieder." Und dann hat die schöne Renee richtig gesungen; wie, das kann ich Dir nicht erzählen, aber es war unbeschreiblich schön, alle sind still geworden und haben