Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 4 (April 1905)
- Article
- Der Zauberkünstler
- Date
- 1905-04-01
- Page
- Seite 243 - 244 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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243 J. L. Perez: Der Zauberkünstler. 244 gehen. Und Riwke Beile wird nie etwas gegen den Willen ihres Mannes unternehmen. Und so holt sie Ausreden wer weiss wie weit her, und ihr Antlitz ist überflammt . . . Die Nachbarinnen aber erkennen, dass nicht alles beim Rechten ist. Und so laufen sie zum Rabbi. „Wie ist das nur möglich? " Der Rabbihört besorgt zu, räuspert sich und denkt nach und kann zu guterletzt nichts anderes antworten als: „Chajim Jaunoh ist ja ein gottesfürchtiger Mann, der Gottes Satzung liebt und übt. Und wenn er nur Vertrauen hat, dann brauchen wir nicht zu sorgen . . . . . . Nicht einmal die Festtagslichter kann Riwke Beile besorgen, und schon ist der liebe Pessach da. Chajim Jaunoh kommt vom Beth Hamidrasch heim. Aus allen erleuchteten Fenstern strahlt die Festtagsfreude auf den Marktplatz heraus. Nur seine Wohnung steht wie eine Waise zwischen Hochzeitsleuten, wie eine Blinde unter den Sehenden. Doch Jaunoh verliert den Mut nicht: Wenn Gott nur will, dann wird auch jetzt noch Pessach sein! So denkt er bei sich. Er tritt in seine Kammer und sagt fröhlich: „Vergnügten Feiertag und nochmals: vergnügten Feiertag, Dir Riwke Beile!" Und Riwke Beiles Stimme klingt zu ihm aus einem finsiern Winkel. So viel Tränen sind in der Stimme: „Einen guten Feiertag, ein gutes Jahr!" Und wie zwei glühende Kohlen Augen aus der dunkeln Ecke. Da tritt er an sie heran und sagt: heute ist Feiertag, Auszug aus Aegypten da darf man nicht trauern! Und eben zu einem fremden Seder gehen. Komm, gehen wir zu anderen Leuten zum Seder! Ueberall wird man uns willkommen heissen offen . . . Wie heisst komm und iss mit uns!" EUGEN SPIRO, Dame in (Aus der leuchten ihre „Riwke Beile, verstehst Du, warum sollten wir auch trauern? Wenn Gott nicht wollte, dass auch wir unseren eigenen Pessach haben sollen, so müssen wir . . Uns steht noch jede Tür; doch: Wer da arm ist, „Nimm Dir Dein Tuch. Wir wollen zum ersten besten Nachbar gehen!" Riwke Beile, die ihres Mannes Willen immer befolgt, unterdrückt mit aller Macht das Schluchzen, das ihr die Kehle zuschnürt, nimmt das zerschlissene Tuch und rüstet sich: zum Gehen. Da — öffnet sich die Tür, und jemand tritt ins Zimmer: „Gut Jaumtauf!" Sie autworten: „Gutes Jahr!" und sehen nicht, wer zu ihnen gekommenist. Sagt der ^Ankömmling: jjch^läfochte Euer Gast zum'Seder sein!" Aber Chajim Jaunoh erwidert: „Wir haben selbst keinen Seder! . . ." Da sagt jener: „Ich habe alles zum Seder mitgebracht." Und Riwke Beile kann nicht an sich halten, und schluchzend ruft sie: „Ein Seder in der Finsternis!" — „Gott bewahre!" antwortet der Gast. — „Er wird lichtig sein!" Er macht eine Bewegung mit der Hand: Eins, zwei. Und plötzlich zeigen sich in der Luft zwei silberne Lichter mit brennenden Kerzen mitten in der Stube. Hell wird es umher. Da erkennen die Eheleute, dass ihr Gast der Zauberkünstler ist, und können vor Staunen und Schrecken kein einziges Wort aus der Kehle bringen. Krampfhaft fassen sie ihre Hände und blicken mit weit aufgerissenen Augen auf das Treiben des Zauberkünstlers: Dieser war indes zum Tisch gegangen, der wie verschämt in einem Winkel gestanden, und sagte zr ihm: „Bedeck Dich, mein Lieber, und komm hierher!" Trauer. Jugend.)