Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 4 (April 1905)
- Article
- Der Zauberkünstler
- Date
- 1905-04-01
- Page
- Seite 241 - 242 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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241 J. L. Perez: Der Zauberkünstler. 242 Aber ehe wir zu Man nischtanoh kommen, wollen wir mal den Zauberkünstler beiseite lassen und uns Chajim Jaunoh und seinem Weibe Riwke Beile zuwenden. Chajim Jaunoh war früher einmal Waldhändler. Bei einem grossen Abschluss verlor er Hab und Gut. Er wurde dann Waldschreiber. Und seitdem er auch diese Stelle verloren, ist ei nun — schon ein paar schöne Monate — ohne jeglichen Verdienst. Einen bösen Winter haben sie hinter sich. (Mögen die Feinde Zions solche Winter erleben.) Nun ist der Winter vorbei; und Pessach naht heran. Versetzt ist schon alles, vom Hängeleuchter bis zum letzten Kissen. Sagt Riwke Beile: „Geh doch 'rüber zum Vorsteher der Gemeinde und lass' Dir Armenmehl für Mazzohs geben!" Erwidert Chajim Jaunoh: Ich vertraue auf Gott. Er wird uns nicht verlassen. An Armenunterstützung werde ich meine ehrliche Hand nicht beflecken. Geht Riwke Beile und sucht nochmals alle Winkel durch und findet einen alten abgeschabten, silbernen Löffel — geradezu ein Gotteswunder: seit Jahren war der Löffel verschwunden! Chajim Jaunoh aber nimmt den Löffel, verkauft ihn und trägt den Erlös — ein paar Groschen — zum Gemeindevorsteher, damit er dafür Mehl für Mazzohs EUGEN SPIRO. BERLIN. Kinderbildnis. EUGEN SPIRO. BERLIN. Die kleine K. an arme Leute verteile. — Die armen Leute, sagt er. brauchen's nötiger. Indes rückt die Zeit vorwärts, und wahrlich! es fehlen kaum noch ein paar Wochen zum Pessach! Doch Jaunoh hat Gottvertrauen. Riwke Beile hält sich ruhig: Ein jüdisch Weib muss ihrem Manne folgen. Aber Tag um Tag geht dahin! Kaum dass Riwke Beile noch schlafen kann. Sie vergräbt ihr Gesicht in den Strohsack und weint leise, dass es Chajim Jaunoh nicht höre. Für Pessach ist nicht das geringste gerichtet. Ihre Tage sind schlimmer als ihre Nächte. Nachts kann sie ihr Herz durch Tränen erleichtern. Bei Tage muss sie sich in die Backen kneifen, dass sie nicht blass erscheine. Die Nachbarinnen schauen ihr forschend nach, und ihre mitleidigen Blicke dringen ihr tief wie Nadeln ins Herz. . . . Manche aber fragen: „Wann backt Ihr Mazzohs? Wie weit seit Ihr mit den roten Rüben?" Die ihr näher stehen sagen: „Was soll das nur sein? Was ist's mit Euch, Riwke Beile? Braucht Ihr etwas, wir wollen's Euch gerne leihen oder sonst wie . . . Chajim Jaunoh mag aber nicht fremde Leute an-