Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 4 (April 1905)
- Article
- Die Lebensanschauung des Idealismus
- Date
- 1905-04-01
- Page
- Seite 227 - 228 (sequence 3)
- Language
- German
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227 B. Wölfl: Die LcbensaiiSv-hauung des Idealismus. 228 sammengehörigkeit, welche durch die Treue gehegt und gepflegt zu werden verdient, wie geeignet ist." Treue. Damit sind wir beim Gipfelpunkt der Cohenschen Ethik angelangt, nämlich bei der Lehre von den Tugenden. Wir haben gesehen, dass der Affekt als Motor des reinen Willens gilt. Es sind nun zwei Grundaffekte, welche den Willen auf den Weg der Tugend lenken: die Ehre und die Liebe. Der ersteren entspringen die Tugenden ersten Grades, die auf die Allheit gehen, der letzteren die Tugenden zweiten Grades, die auf die relativen Gemeinschaften gerichtet sind. Die Tugenden ersten Grades entspringen dem herben Affekt der Ehre und müssen durch die der Liebe entspringenden Tugenden zweiten Grades gleichsam, gemildert werden. „Die Ehre hat ihren sittlichen Ursprung in der Sprache der Religion" und sie „ist ursprünglich die Ehre Gottes, die gewöhnlich unrichtig durch Herrlichkeit übersetzt wird". Und diese Menschenehre bedeutet die Gleichheit der Menschen in ihrem Berufe zur Sittlichkeit. Ehre als Affekt bedeutet also im wesentlichen die Ehre des anderen, des Nächsten. „Die Ehre verbürgt, die Gleichheit der Menschen zur Sittlichkeit." Man begreift jetzt -den tiefen Sinn des talmudischen Wortes: „Es sei dir die Ehre deines Nächsten so teuer, wie deine eigene." Die Liebe fasst Cohen etwa in dem' Sinne, den die hebräischen Wörter Racharaim, Chesed haben. Doch betont er, dass „die Gunst, welche die Liebe dem anderen Ich zuwendet, eine Begünstigung seines Ich" bedeutet. Es war daher eine sittliche Naivität, dass eine Weltreligion die Tugend einzig und allein auf die Liebe gründen wollte. So wurde das Gebot der Nächstensliebe zynisch umgangen, indem man ihm die Phrase „jeder ist sich selbst der Nächste" entgegensetzte, oder indem man im besten Falle als Nächsten die Angehörigen der eigenen Rasse bezeichnete. Die Ehre dagegen, die auf dem Antlitz jedes Menschen als solchen leuchtet, geht auf die Allheit. Bei der Ehre liegt die Kontrollinstanz in der Allheit, also im Recht und im Staate. „Der Kulturmensch wird daher zum Barbar, wenn er den Wilden nicht als Menschen behandelt." Die Ehre allein verbürgt die Gleichheit der Menschen vor dem Recht, als dem Ausdruck der Sittlichkeit. Der Ehre nun entspringen, in aufsteigender Reihenfolge, die drei Tugenden ersten Grades: Wahrhaftigkeit, Tapferkeit, Gerechtigkeit. Der Liebe die drei Tugenden 'zweiten Grades: Bescheidenheit, Treue, Humanität. Jede Tugend ersten Grades wird von der entsprechenden Tugend zweiten Grades begleitet, vereint sich mit ihr zu einem hehren Akkord. „Das Selbstbewusstsein ist Selbsterkenntnis. Dieser Satz bedeutet für die Tugend der Wahrhaftigkeit: nur in der Selbsterkenntnis besteht dein Selbst . . . Wahrhaftigkeit bedeutet in erster Linie und von Grund aus, in der Erkenntnis das Heil zu suchen." Sittlichkeit ohne Erkenntnis kann nicht bestehen. (In der Sprache der Religion hiess das: „Kein Unwissender kann fromm sein.") Ebenso wie alle Menschen zur Sittlichkeit berufen sind, so sind sie auch daher zur Erkenntnis und zum Wissen berufen. („Dereinst wird die Erde voll werden von Erkenntnis, wie die Wasser das Meer ausfüllen.") „Wahrheit ist nicht ein Schatz, sondern ein Schatzgräber", sagt Cohen. Und ferner: „Nur das Suchen nach Wahrheit, das allein ist Wahrheit." Dieses Suchen nun kann nur der Bescheidenheit entspringen, welche sich der Wahrhaftigkeit, dem Streben nach Wahrheit, nach Selbsterkenntnis zugesellen muss, um sie erst zu vollenden. Die Bescheidenheit bewahrt uns vor Ueberhebung und Ueberspannung des Selbstbewusstseins. Indem sie uns die Einsicht in die Grenzen unserer Erkenntnis lehrt, gebietet sie uns Milde, Schonung und Geduld im Beurteilen der Handlungen unserer Nächsten. „Sie ist Schonung und Duldung des anderen, auch wo er fehlt. Sie hält das Urteil zurück,, auch wo die Wahrhaftigkeit ein solches wagen müsste, sie hält die Grenzen ein, auf welche sie sich bei der Beurteilung der Menschen bescheidet." („Beurteile jeden Menschen nach der Wagschale der Milde.") Der Begriff der Tapferkeit als Tugend hat mit der Entwickelung der Kultur tiefgreifende Wandlungen durchgemacht. Urspiünglich bedeute er die sinnliche Kraft des Menschen dem Nichtich, besonders dem andern, vielen anderen gegenüber. Nachher bedeutet er die beherrschende Macht des menschlichen Geistes über die eigene Sinnlichkeit. („Wer ist ein Held? Der seine Triebe zu bezwingen vermag.") Nach aussen hin geht die Tapferkeit nicht mehr auf Vernichtung des feindlichen anderen, sondern auf dessen Versöhnung. („Wer ist ein Held? Der sich den Feind in einen Freund verwandelt.") Schliesslich vertieft sich der Begriff und gewinnt den Inhalt: standhaftes Ertragen der Leiden und