Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 4 (April 1905)
- Article
- Die Lebensanschauung des Idealismus
- Date
- 1905-04-01
- Page
- Seite 225 - 226 (sequence 2)
- Language
- German
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225 B. "Wolff: Die Lebensansckauungdes Idealismus. 226 gewinnt die Ethik zum erstenmal eine streng reale, wissenschaftliche Basis, die erkenntnistheoretische Objektivität. Im Rechtsstaat verkörpert sich die Einheit der Allheit. Rasse, Stamm, Genossenschaft, ja selbst Volk — sind nur Mehrheiten, also gleichsam sittliche Surrogate, Vorstufen, die ihre sittliche Berechtigung nur daher und insofern haben, .als sie zum Staat, und damit zur Verwirklichung des ethischen Bewusstseins hinanleiten. „Der Kampf der Rassen und Stämme ist unsittlich, ist widersittlich; ist das sittliche Hemmnis der politischen Geschichte." „Die Propheten dagegen glaubten ihr Vaterland nur dadurch lieben zu können, dass sie die Menschheit liebten." „Jedes Wesen, das als sittliches, als rechtliches Subjekt, •des reinen Willens fähig ist, ist zum Vollzug des Selbstbewusstseins im Staate berufen" . . . . „Der Staat als Selbstbewusstsein ist die Einheit von Subjekt und Objekt "im Willen." Daraus folgt konsequenterweise, dass jedes Volk unablässig danach streben muss, den Staat zu verwirklichen, sich sittlich auszuleben (man verzeihe dieses Modewort) indem es einen Staat begründet. Wie aber, wenn einem Volke, das bereits einen Staat verwirklicht und an dessen sittlicher Vervollkommnung gearbeitet hat, der eiserne Schritt der Geschichte diesen Staat zertrümmert und EUGEN SPIRO. STUDIE. Gezeichnet für „Ost und West'«. EUGEN SPIRO. STUDIE. Gezeichnet für „Ost und West". seine Angehörigen einem anderen Staatswesen angegliedert hat? . . . Hier stehen wir vor einer der heikelsten und schwersten Fragen der Gegenwart, und zu deren Beantwortung möge Cohen selber in seiner kristallklaren, ehernen Sprache das Wort ergreifen: „Hier stossen wir nun aber auf einen der in der Geschichte nicht seltenen- Punkte, an denen Volk und Staat, Nationalität und Staat . einen schweren Konflikt bilden. Wenn ein Volk eingegangen, seinen Staat verloren hat, und nunmehr einem neuen Staate eingefügt worden ist, so entsteht der Konflikt zwischen der Anhänglichkeit an den verlorenen Staat und an das fortbestehende Volkstum und dem Gehorsam und dem Anschluss an das neue, das allein autoritäre Staatswesen. Nach welcher Seite zeigt dabei, der Wegweiser der Treue? .... Daher wird es . . zu begründen sein, dass . . . Nachsicht und Schonung denen gewidmet werde, welche ihrem verlorenen Volkstume die Treue bewahren, wenn sie nur das sittliche Recht des Staates in freiem Gehorsam anerkennen . . . Staat und Nationalität sind jedoch keineswegs identisch; der politische Volksbegriff und der der anthropologischen Abstammung fallen nicht zusammen . .. . . Die Liebe zur gemeinsamen Geschichte des inneren geistigen Lebens eröffnet abseits von der politischen Pflicht eine innerliche Zu-