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Ost und West · 1905-03-01 · Heft 3 (März 1905) · p. Seite 203 - 204

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 3 (März 1905)
Article
Moritz A. Simon
Date
1905-03-01
Page
Seite 203 - 204 (sequence 4)
Language
German
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203 Dr. \V. Licbmaon: Moritz A. Simon. 204 und Gartenbauunterricht zum Beruf der edleren Handwerke und der Bodenkultur vorzubereiten. Schon vor 20 Jahren gründete er den Verein zur Förderung von Handfertigkeit und Gartenbau an jüdischen Schulen. Er unternahm, weite Reisen, um in verschiedenen Ländern die diesbezüglichen Schulverhältnisse und Einrichtungen praktisch zu studieren und für seine Ziele zu verwerten. Durch Stiftung einer grossen Summe setzte er den Verein in den Besitz eines Grundstückes mit Garten, so dass die Kinder Schulgarten-Unterricht im Sommer erhalten, und im AVinter in Hobel-, Schnitz- und Papparbeiten unterwiesen werden konnten. Als Mitglied der Alliance Israelite Universelle bewirkte er, dass auch sie an ihrer Ecole Normale den Handfertigkeits-Unterricht einführte. Seine hochherzige Stiftung ermöglichte die Errichtung einer Werkstatt und die Anschaffung von Werkzeug. Doch die Krönung seines Lebenswerkes war die Stiftung von Ahlem. Eine halbe Stunde von Hannover erhebt sich die von Moritz Alexander Simon gestiftete Israelitische Erziehungsanstalt zu Ahlem. Dieselbe wurde am 2. Juni 1893 eröffnet. Sie stellte sich zur Aufgabe: „Bodenkultur und Handwerk, zwei Erwerbszweige, die den Juden durch die Umstände der Zeit und ihre Lage Jahrhunderte lang verschlossen waren . . . durch Erziehung und Unterricht wieder zur vollen Würdigung und würdigen Betätigung zu bringen. . . . Dies kann nur . durch Unterricht und Erziehung erreicht werden. Die Jahrhunderte, welche unsere Vorfahren im Ghetto zubringen mussten, haben in ihnen mannigfaltige Tugenden zur Entfaltung gebracht, in physischer Beziehung jedoch sind die Kräfte matt und schwach geworden. Um jedoch tüchtige, arbeitsfähige Handwerker zu erziehen, um mit Erfolg den Boden zu bearbeiten und zu pflegen, müssen wir eine Generation heranbilden, deren ganze Erziehung von Jugend auf dem späteren Berufe angepasst ist." Werfen wir einen Blick auf den Unterrichtsplan der Anstalt. Die Zöglinge zerfallen in zwei Abteilungen: Schüler, vom 6. bis 14., und Lehrlinge, vom 14. bis zum 17. Lebensjahre. Die Schüler erhalten den Unterricht einer Elementarschule, sowie Unterweisung in Gartenarbeiten (Anlage und Pflege des Schulgartens) und Handfertigkeit (Holz- und Papparbeiten). Die Tätigkeit der Lehrlinge, die dem schulpflichtigen Alter bereits entwachsen sind, erstreckt sich hauptsächlich auf die Ausbildung in ihrer Berufsarbeit. Jedoch erhalten sie daneben im Winter, und in verringertem Grade auch im Sommer, durch eine eingerichtete Fortbildungsschule einen ergänzenden Unterricht in den allgemeinen Lehrgegenständen der Schule, sowie in der Fachwissenschalt: Religion, Gartenbaukunde, Naturgeschichte, Naturkunde, Rechnen, deutsche Sprache, geschäftliche Korrespondenz, Zeichnen, Geographie. Der theoretische Unterricht auf dem Gebiete der Bodenkultur bildet also eine Ergänzung zur praktischen Arbeit. Im Sommer sind die Lehrlinge mit praktischer Arbeit beschäftigt, daher bleibt der theoretische Unterricht sowie der Fortbildungskursus vorzugsweise für den Winter vorbehalten. An Wochentagen stehen die Zöglinge im Sommer um 5 Uhr morgens auf, Winters eine Stunde später. Es herrscht in der Anstalt eine gewisse milde Zucht, die die Zöglinge an Ordnung gewöhnt. Auf die Ausübung der religiösen Pflichten wird geachtet. Die Sabbate und Feiertage werden für Religionsunterricht, Lektüre, Zerstreuungen verwendet. Für die körperliche Entwickelung der .Zöglinge wird durch Turnübungen gesorgt, auch werden sie im Gesang und im Flöten- und Geigenspiel unterwiesen. Mit den entlassenen Zöglingen steht die Direktion der Anstalt in fortwährender Korrespondenz, so dass sie über ihr Fortkommen in der Welt und daher über den praktischen Wert ihrer Erziehungsresultate stets gut unterrichtet kt. Die entlassenen Zöglinge bilden untereinander einen „Verein ehemaliger Ahlemer" zur gegenseitigen Förderung und Wacherhaltung des Interesses an dem Gedeihen der Mutteranstalt. Bisher sind aus der Anstalt ca. 170 Gärtner, Handwerker und Lehrer hervorgegangen, die nicht nur in Deutschland, sondern auch in Russland, Rumänien, Galizien, Palästina und Amerika wirken.1) Simon wurde nicht müde, für die Verbreitung seiner Ideen durch Wort und Schrift zu wirken. Er veröffentlichte von Zeit zu Zeit Flugschriften in seinem schlichten, treuherzigen und gewinnenden Ton. Er unternahm weite Reisen, sogar nach Amerika, um sich persönlich vom Schicksal *) Wie die Tageszeitungen berichten, hat der Verblichene den weitaus grössten Teil seines Vermögens der Förderung der gemeinnützigen und menschenfreundlichen Ziele gewidmet, denen er sein Lebenlang gedient hatte.

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