Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 3 (März 1905)
- Article
- Moritz A. Simon
- Date
- 1905-03-01
- Page
- Seite 201 - 202 (sequence 3)
- Language
- German
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201 Dr. W. Liebmann: Moritz A. Simon. 202 Ahlem. Anheften der Zweige beim Formobst. die frühzeitig erkannten und es laut aussprachen, dass die sogenannte Judenfrage — vom jüdischen Standpunkte ausgesehen — eine soziale Frage sei, dass man sie also nach den Prinzipien der sozialen Fürsorge behandeln müsse, wenn man ihr beikommen wolle, und dass es nicht genüge, hierbei lediglich den Regungen des Herzens folgend, dem momentanen Elend zu steuern. Mit richtigem Blick hatte er erkannt, dass die Hauptursache der Judennot in allen Ländern darauf beruht, dass sie in übergrosser Fülle die Berufszweige des Hausierers, des Kleinhändlers, wie auch gewisser engbegrenzter Handwerke ergreifen. Jahrhunderte lang andauernder Zwang von aussen, harte, beengende Gesetze, endlich die Vorurteile der nichtjüdischen Bevölkerung haben die Juden, die ursprünglich ein Ackerbau und Handwerk treibendes Volk gewesen, in die oben genannten einseitigen Berufszweige hineingedrängt und die Entwicklung der namentlich für die Bearbeitung des Bodens erforderlichen körperlichen Eigenschaften erheblich zurückgehalten. Es gelte nun — so folgerte Simon — den Fehler vieler Jahrhunderte wieder gut zu machen und der grossen Masse der Juden neue Erwerbszweige zu erschliessen, so insbesondere, sie dem Ackerbau und vielen, bisher ihnen ziemlich fernliegenden Handwerken zuzuführen. An sich war ja der Gedanke nicht neu, eigen war aber die Art, wie Simon sich anschickte, ihn ins Werk zu setzen. Die geringen Erfolge oder gänzlichen Misserfoige der jüdischen, namentlich überseeischen Kolonisationsbestrebungen, die trotz des Aufwandes ungeheurer Mittel und eines grossen Verwaltungsapparates so wenig von dem angestrebten Ziele erreichten — weit entfernt, ihn, wie das bei so manchem der Fall war, . zu entmutigen — dienten ihm nur dazu, daraus die grosse Lehre zu ziehen, die Goethe in folgenden Worten ausdrückt: „Mit einer erwachsenen Generation ist nie viel zu machen, in körperlichen Dingen wie in geistigen, in Dingen des Geschmacks wie des Charakters. Seid aber klug und fangt in den Schulen an, und es wird gehen." : Warum brachten die Bemühungen in Palästina und in Argentinien, trotz der aufrichtigen Begeisterung hier und der kolossalen Mittel dort nur so wenig günstige Resultate? Darum, antwortete Simon, weil man erwachsene Menschen aus den altgewohnten. Berufsarten unvermittelt in eine ihnen völlig fremde und neue Arbeits- und Lebensweise hinüberführen wollte! Versucht es aber mit der Jugend seit ihren frühesten Stadien, und es wird gehen! Simon richtete daher sein Bestreben darauf, die Jugend möglichst frühzeitig durch Handfertigkeits-