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Ost und West · 1905-03-01 · Heft 3 (März 1905) · p. Seite 175 - 176

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 3 (März 1905)
Article
Die Purimfeier in historischer Beleuchtung
Date
1905-03-01
Page
Seite 175 - 176 (sequence 3)
Language
German
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175 Dr. Max Steif: Die Purinifeier in historischer Beleuchtung. 176 Ursprung der Rücksichtnahme auf die Kinder.1) Dieses Hamanklopfen; noch heute in manchen orthodoxen Gemeinden nicht ausser Brauch gesetzt, geschah gewöhnlich in der Weise, dass man bei Nennung des Namens Haman auf die Wand schlug oder mit den Füssen stampfte, in welch letzterem Falle gewisse findige Köpfe sogar auf den Einlall gerieten, sich jenen Namen auf die Sohlen zu schreiben, um so gleichsam das Gefühl sich zu suggerieren, als ob sie den alten Erzfeind mit Fusstritten regalierten. Im übrigen war auch anderen Arten des Ausdruckes von Missfallsbezeugungen durch allerlei schrille Töne usw. keinerlei Schranken gezogen. Mit diesem Hamanklopfen bringt die Sage einen Erzbischof von Regensburg in Verbindung, der einst R. Juda Chassid über die Bedeutung desselben befragt haben soll, worauf ihm dieser geantwortet, dass hierdurch dem Haman von seiten der Dämonen in der Hölle dasselbe widerfahre. Und als der Erzbischof sich hiervon überzeugen wollte, habe ihn R. Juda zum Eingang der Hölle geführt, woraut jener nach vorgenommenem Augenschein gesagt haben soll: wenn ich bei euch wäre, würde ich euch im Klopfen helfen. Ein schon in frühester Zeit auch bei den orientalischen Juden weitverbreitete Sitte war es, einige Tage vor Purim von der männlichen Jugend eine Hamanspuppe anfertigen zu lassen, die am Purim tag unter Sang und Klang auf einem kleinen Scheiterhaufen verbrannt wurde, wobei dieser von den Festgenossen übersprungen wurde. Ausserdem wurden in den Gassen Töpfe zerbrochen, bei welcher Gelegenheit die Stelle aus Jes. 30, 14 hergesagt wurde. Nach einer übrigens wenig glaubwürdigen Quelle2) soll ein solcher Faschingsscherz im Jahre 415 d. gew. Zeitr. zu einer grausigen Tat geführt haben. In einem syrischen Städtchen hätten die Juden einst einen Hamansgalgen errichtet, in der Trunkenheit einen christlichen Knaben daran angehängt und ihm mit Geisseihieben den Tod gegeben. Dadurch sei ein Kampf zwischen Juden und Christen entstanden, worauf Kaiser Theodosius II. befohlen habe, die Schuldigen der gerechten Strafe zu überantworten. Wer die Geschichte jener Zeit etwas näher kennt, der weiss jedoch, wieviel er von diesem tendenziös gefärbten Berichte zu halten hat. Besonders lebhaft ist es bei dieser ') Vergl. Güdemann, Gesch. des Erziehungswesens in Frankreich und Deutschland, S. 116. 2) Socrates hist. eccles. VII. 16, vgl. Grätz IV. B. S. 364. Art der Hamansverbrennung unter den Juden in Italien zugegangen, avo ein südlich lachender Himmel und das überschäumende Wesen im Charakter der andersgläubigen Umgebung nicht ohne gewisse Folgewirkung auf alleTemperamentsäusserungen auch der Juden bleiben konnte. Das Purimtraktat des Kalonymos b. Kalonymos, ein Faschingsscherz, den Gebildeten und Gelehrten gewidmet, der in Form und Methode die talmudische Diskussion aufs köstlichste parodierte, kann hierfür als Quelle gelten, da er ja zumeist nur auf römische Verhältnisse anspielt. Nach ihm stellten sich also die Kinder in Schlachtreihen einander gegenüber und bewarfen sich mit Nüssen, während die Erwachsenen zu Pferde stiegen und mit Tannenzweigen in Händen durch die Strassen ritten, sodann unter Trompetengeschmetter und Posaunenstössen eine auf einem erhöhten Postamente stehende Puppe, die Haman vorstellen sollte, umjubelten und hierauf feierlich verbrannten. Selbstverständlich gelangte allenthalben, der erhöhten Feierlichkeit des Tages zu Ehren, auch der Magen zu seinem vollen Rechte. Die Mahlzeit war darum, den jeweiligen Verhältnissen entsprechend, eine besonders reichliche. Wir erfahren aus dem eben erwähnten Fastnachtstraktate auch etwas Näheres über ein solches zusammengestelltes Menu, das an Reichhaltigkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Es werden da unter anderem aufgezählt: Pasteten, Fische, Turteltauben, Braten von Reh und Hirsch, Gänsen, Enten, Hühnern und Fasanen, ferner Fladen, kleine Torten und Pfefferkuchen. Dass es namentlich auch an Wein nicht fehlen durfte, dafür bürgte jener bekannte talmudische Ausspruch, der es vorschrieb, sich insoweit Vergessenheit anzutrinken, bis man nicht mehr wisse, ob Haman verflucht oder Mordechai gesegnet werde. Dieser Ausspruch, der seiner ganzen Fassung nach doch nur auf das Mildversöhnende im jüdischen Volkscharakter schliessen lässt, dahin zu deuten, als „eine den Hass und den Hochmut predigende Schlemmerei, bei der es darauf ankommt, recht gründlich betrunken zu sein",1) zeugt, gelinde gesagt, von arger Verkennung und vorsätzlicher Missdeutung seiner Absichten. Zur Hebung des allgemeinen Frohsinns wurden ferner an diesem Tage allerlei Spiele, v) Paul de Lagarde, Purim, Ein Beitrag x. Gesch. d. Religion. S. 57.

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