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Ost und West · 1905-03-01 · Heft 3 (März 1905) · p. Seite 165 - 166

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 3 (März 1905)
Article
Schir Haschirim
Date
1905-03-01
Page
Seite 165 - 166 (sequence 2)
Language
German
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165 Hugo Zuckermann: Schir Haschirim. 166 Stolz ist sein Wuchs. Wie Purpurmandelblüten Glüh'n seine Lippen. Habt ihr ihn gesehn? Und weiter ging's. Die Sehnsucht lieh mir Schwingen. Triumph! Beim Rebenhügel fand ich ihn. Ich hielt ihn fest. Wer will ihn mir entringen? Mit tausend süssen Fäden band ich ihn. Sal omo: Wie leichter Rauch der Wüstenhirtenfeuer Schwebst du daher, wie süsse Myrtendüfte, Wie aus den Wassern weisse Nebelschleier Empor sich schlängeln in die lauen Lüfte. Sulamith (singt): An des Liebsten Lager wachen Schwergegürtet sechzig Recken. Wenn's wie glühend' Höllenrachen Lodert aus den Kohlenbecken, Schlummerst du auf seidenweichen Pfühlen, Herr, und lächelst heiter, Denn die Spukgestalten scheuchen Schwertgerüstet sechzig Streiter. IV. Salomo: Schön bist du, Sulamith. Ja, du bist schön, Denn deine Augen blicken sanft wie Tauben. Wie Ziegenherden, die zur Weide gehn, Sind deiner Flechten schwarze Lockentrauben. Wie weisse Lämmer, die der Flut entsteigen, So blitzen lachend deine Perlenzähne. Die Lippen sind Rosinen. Balsamfeigen Sind deine Küsse, o du Tausendschöne. Die Wangen glühen purpurn wie Granaten An deinem Halse wie an Davids Zinnen Da sprüht's von tausend funkelnden Zieraten, Die Brüste schimmern schneeiger denn Linnen.- Des Libanon zerklüftet Felsenritzen Verlasse und des Hermon rauhe Höh'n. Mich hat bezwungen deiner Augen Blitzen, Schön bist du, Sulamith, ja du bist schön. Wie ein versperrter Garten lockst du prangend, Wie's Brünnlein, das der Felssturz hat verschlossen. Ein Apfelbaum, an dem der Safran rankend Erglüh't von würz'gem Nardenduft umflossen. Blas' Nordwind, blas' durch meinen Zaubergarten Und weh' vom Baum den Kirschenblütenregen, Auf meine Allerliebste will ich warten, Drum streue Blumen auf den grünen Wegen. Sulamith': Die Lotosblumen atmen duftesschwer, Der Mondnachtzauber quillt aus den Violen. — 0, Liebster, warum kommst du nimmermehr, Die süsse Frucht des Gartens dir zu holen. V. Salomo: Ich komme, Holde! Ach, ich weilt' zu lange, Den Myrtenstrauss im Jordanstal zu pflücken. Den Honig bring' ich dir. Auf grünem Hange Fand ich ein Bienennest am Bergesrücken. Hier Wein! Hier Meth! Stosst an mit vollen Krügen, Denn wahre Lieb' und echter Karmelwein, Die wollen nur in nimmersatten Zügen Aus nimmerleerem Krug genossen sein. Sulamith: Längst schlummert' ich. Mein Herz alleine wacht! Den Liebsten hört's ans niedere Fenster klopfen. Ich bin's! Geliebtes Weib! Flugs aufgemacht! Mich friert, es nässen mich des Taues Tropfen. Mich friert. Ich hab' mich heimlich fortgestohlen, Zog aus das Königskleid, das dunkelblaue. Ich schlich zur Liebsten auf eatblössten Sohlen. Mach auf! Mich friert im feuchten Abendtaue. Er streckt die Hände flehend durch die Hecken, Er bat so süss (ich wollt', ich wäre taub), Er bat so süss, ich zürnt dem allzukecken Und zitterte wie windgepeitschtes Laub. Da stand ich auf und schob zurück den Riegel — Wer könnte solchem Bitten widerstehen? — Ich sah die mondbeglänzten Rebenhügel, Doch ach, der Liebste war nicht mehr zu seh'n. Ich ging hinaus und fragt die lieben Sterne: Saht ihr im Wald, saht ihr am Strand ihn nicht? Die Arme streckt ich sehnend in.die Ferne. Ich sucht' ihn überall und fand ihn nicht. Die Wächter höhnten mich in meinem Trauern, Sie schlugen mich, als wär ich eine Dirne. Dann fragte ich die Hüter an den Mauern, Die rissen mir den Schleier von der Stirne. Ihr Töchter Zions! Wollet ihr mich hören: Wisst ihr vielleicht, wo mein Geliebter bliebe? Sagt ihm, o sagt ihm, lasst euch beschwören, Sagt Sulamith ist krank, ist krank vor Liebe. Chor der Mädchen: Wer ist dein Freund, dass du mit bitteren Tränen Uns hast beschworen, schönes Schwesterlein, Wer ist dein Freund von Judas starken Söhnen, Dass du ihn suchest hier im Lorbeerhain? Sulamith: Kennt ihr ihn nicht, nach dem ich sehnend kranke? Hoch ragt er, wie am Libanon die Cedern, Aui seiner Stirn träumt lächelnd der Gedanke, Die Locken schimmern schwarz wie Rabenfedern. . Sein Leib ist Elfenbein. Wie Eichenpfähle Durch Eisenbande wetterhart vereint, Sind seine Arme, süss ist seine Kehle. Salomo ist's, mein königlicher Freund!

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