Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 3 (März 1905)
- Article
- Schir Haschirim
- Date
- 1905-03-01
- Page
- Seite 167 - 168 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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167 Hugo Zuckermann: Schir Hasdiirira. 168 VI. Sulamith: Nun ruht mein Freund im grünen Lorbeerhain, Den Kidrons Silberbächlein plätschernd schneidet. Mein Freund ist mein, und ich bin sein, Der unter Satons Zauberrosen weidet. Salomo: Schön bist du, Sulamith, wie Thirzas Pracht Und lieblich wie Jerusalems Gefilde, Dein Auge funkelt wie in heisser Schlacht Die Lanzenspitzen und die blanken Schilde. Wen'd ab den Blick! Dein Auge macht mich rasend! Die Zöpfe schimmern schwarz wie Ziegenherden, Die von des Karmel rauhem Gipfel grasend Zur Abendrast ins Dorf getrieben werden. Sieh! Sechzig stolze Königinnen zittern Vor meinem Blick, und hundert edle Frauen. Sehnsüchtig harren mein an Gartengittern Die schönsten Mädchen von Judäas Gauen. Doch eine ist mein Täubchen, mein Verlangen, Doch eine ist mein Singen und mein Sinnen, Die Tochter Zions preist ihr Jugendprangen Und vor ihr neigen sich die Königinnen. Sulamith: Wer ist's, der herrlich wie der Morgenschimmer Empor aus Wölken taucht gleich Sonnenblitzen, Wie durch die dunkle Nacht der Mondscheinüimmer So strahlt sein Auge scharf wie Lanzenspitzen. Ich ging, zu schauen, ob die Sträucher grünen, Und ob am Weinstock neuer Segen quelle, Ich ging, zu schauen nach den ems'gen Bienen Und — traf den Liebsten an der Garlenschwelle. VII. Salomo: Auf schlanken Füssen, o GazeUengleiche, Schwebst du hernieder von betauten Hügeln, Dein Aug' ist abgrundtief wie Hesbons Teiche, In denen sich die Abendsterne spiegeln. Dein Hals, ein Turm von Eilenbein gedrechselt, Der hoch am Berge gen Damaskus späht. Wie Karmels Gipfel, wenn der Mondschein wechselt, Blinkt stolz dein Haupt, von Perlen übersät. Wie faltenreiche Königsmäntel wallen Die Locken über deinen Alabasternacken. Schön bist du wie des Meeres Prachtkorallen, Die purpurn glühn, auf schwarzen Felsenzacken. Du gleichst der Wüste schlanken Dattelpalmen, Die träumend sich im Abendwinde wiegen. Wenn Demanttropfen glitzern an den Halmen Und in ihr Nest sich scheu die Vögel schmiegen. Sulamith: Komm, Freund! Lass uns durch alle Felder streifen, Lass singend uns durch alle Dörfer ziehn, Wo reiche Trauben an den Reben reifen Und scharlachrote Mandelsträucher blühn. Die Rosen duften süss an meinen Pforten. Um meine Pfosten ranken grüne Kränze, Doch lausch' ich meines Freundes Zauberworten, Wenn er mir singt von unserem Liebeslenze. VIII. Sulamith: Fand' ich dich draussen in den grünen Matten. Fänd' ich dich an des Jordans Wasserflüssen; Fand' ich dich in den kühlen Cedernschatten Des Libanon! Wie wollte ich dich küssen. Ich wollt' dich führen in die Gartenlaube, Dort lehre mich die Hirtenweise singen, Ich pflücke dir dort manche goldne Traube Und will dir süsse, rote Aepfel bringen. An deinen starken Arm will ich mich lehnen, Du streichelst lächelnd meine schwarzen Flechten Und flüsterst mir vom glühend heissen Sehnen, Das dich gequält in stillen Sternennächten. Salomo: Press' auf dein Herz mich, wie ein rotes Siegel! Denn Lieb' ist stark, ist stärker als der Tod. Die Liebe sprengt die festen Eisenriegel Und brennt wie Feuer, das zum Himmel loht. Kein Wasser löscht die Glut, und stürzt in Traufen Das Meer und alle Ströme dieser Welt. Wollt'' einer Lieb' für Schätze sich erkaufen, Das Gold der Erde wäre Bettelgeld. Ist Lieb' ein Mauerwerk, das uns umtürmet, Lass ich ein silbern Bollwerk darum bau'n. Ist Lieb' ein Tor, das unser Herz beschirmet, Lass ich mit Cedernbohlen es behau'n. Sulamith: Reich ist mein Freund! Er gab den Rebengarten Den Wächtern zu Bal-Hemon, dass man bringe Auf seinen Tisch die besten Traubenarten, Und jährlich an die tausend Silberlinge. Salomo: 0, die du weilest hinter Rosenhecken Lass deiner Stimme süssen Klang mich lauschen! Sulamith: Flieh' wie das Reh, das keucht im Todesschrecken, Wenn abendlich die Cedernwipfel rauschen.