Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 3 (März 1905)
- Article
- Schir Haschirim
- Date
- 1905-03-01
- Page
- Seite 163 - 164 (sequence 1)
- Language
- German
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163 164 SCHIR n Hugo Zu I. Sulamith: Komm' an mein Herz und küsse mich, Geliebter! Denn .Lieb' ist süsser als der Karmelwein, Ist süsser als der Weihrauch der Aegypter, Als Nardenduft und Indiens Spezerei'n. Zwar bin ich schwarz, doch lieblich anzuschauen — Mich hat versengt der Sonnenbrand der Wüste — O spottet nicht, ihr Mädchen und ihr Frauen, Wie Kedars Hütten schimmern meine Brüste. Die Mutter zürnt mir, und die Brüder fluchen, Weil ich vergass den Weinberg zu behüten. Den Liebsten meiner Seele ging ich suchen, Wo rastet er im Mittagsonnenbrüten. Salomo: Mit wem soll ich die Lieblichste vergleichen? Wie Pharos Wagen prunken deine Wangen. An deinem schlanken Hals, dem sammetweichen, Erglänzen Perlen und Rubinenspangen. Sulamith: Wie Myrrhenbüschel, die die Brust mir schmücken, Bist du an meinem Busen oft gehangen, Dein Wort gleicht Hymnen, die beim Traubenpflücken Die Winzer zu Engedi trunken sangen. Salom o: In meinem Busen tobt ein wilder Föhn. Den Honig deiner Lippen will ich saugen. Schön bist du, Sulamith, ja du bist schön, Denn deine Augen sind wie Taubenaugen. Zur Ruhe laden schwellend Rasendämme, Dort lass' uns kosen, küssen und — vergessen! Als Säulen ragen stolze Cedernstämme, Und des Palastes Wände sind Cypressen. II. Salomo: Wie Sarons Zauberblume prangst du blühend, Wie eine Rose unter Dorngestrüppen. Kein Weib, kein Mädchen hat so liebeglühend', So heisse, ewig küssensdurst'ge Lippen. Sulamith: Du ragst, wie herrlich über alle Bäume Der wilde Apfelbaum gen Himmel starret; In seinem Schatten such' ich süsse Träume, Indes mein Herze des Geliebten harret. Die Linke musst du um das Haupt mir schlingen, An deinen starken Arm will ich mich lehnen. Du musst mir Blumen, rote Blumen, bringen, Denn ich bin krank, Geliebter, krank vor Sehnen. kermann. Salomo: Ihr Töchter Zions! Bei den jungen Rehen Beschwör' ich euch, die Holde nicht zu wecken, Behutsam schleicht herbei auf leisen Zehen Und scheucht die Fliegen fort, die allzukecken. Sulamith: Triumph! Ich höre meines Liebsten Stimme, Er kommt vom Berge, hüpfet über Hügel; So scheucht das Reh vor wildem Jägersgrimme. Er sprengt zur Liebsten mit verhängtem Zügel. Jetzt eilt er durch den heissen Wüstensand, Er rast daher wie tosendes Gewitter; Jetzt hält er wohl beim Haus, klopft an die Wand — Schon winkt er grüssend mir durchs Gartengitter. Er winkt und lacht und spricht: „Wach auf, du Holde, Der rauhe Winter ist dahingegangen, In Lenzeslüften blüht die blaue Dolde, Die Reben knospen und die Myrten prangen. Die Turteltauben bauen ihre Nester, Am Feigenbaume grünen neue Knoten, Die Purpurrose grüsst die traute Schwester," Zu neuem Leben sind erwacht die Toten." Salomo: Mein Täubchen flieg' aus deiner Felsenhöhle Und zeig' dich wieder, denn du bist so schön. Süss ist das Lachen deiner Silberkehle •Und du bist wunderherrlich anzusehen. Die bösen Füchse müsst ihr mir verjagen, Damit sie unsern Weinberg nicht durchwühlen. Denn unser Weinberg keimt. In wen'gen Tagen Wird uns sein reiches Blätterdach schon kühlen. Sulamith: Mein Freund ist mein, und ich bin ewig sein Eh dieser Tag in Purpurgluten scheidet. Mein Freund ist mein, und ich bin ewig sein. Der unter Sarons Zauberrosen weidet. III. Sulamith: Im Traume sah ich liebend mich umfangen, Da schrak ich auf, ich sucht' und fand ihn nicht. Wild pocht mein Herz. Im glühenden Verlangen Hallt laut mein Ruf. Doch er verstand ihn nicht. Ich sprang empor und sucht' in allen Gassen Der stillen Stadt, ich sucht im Sternenlicht Den Liebsten meiner Sehnsucht zu umfassen. Ich sucht' ihn überall und fand ihn nicht. Die Wächter fragt' ich, die das Tor behüten: Saht ihr den Liebsten nicht vorübergehn?