Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 23 (1923)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1923)
- Article
- Philosophie des Pogroms
- Date
- 1923-03-01
- Page
- Seite 89 - 90 (sequence 16)
- Language
- German
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89 Philosophie des Pogroms 90 erhebliches Blutvergießen, ohne Greueltaten, ohne Plünderungen und Verwüstungen. Also kein „tiefer Erregungszustand" wie bei der französischen, daher ist die deutsche Revolution nicht „legitim", wie die französische. Die russische Revolution hat dagegen alle jene Attribute der französischen in überreichem Maße, In weit höherem als ihr französisches Vorbild; der „tiefe Erregungszustand des ganzen Volkes", aus dem heraus sie geboren wurde, will offenbar kein Ende nehmen, und, was das wichtigste ist, es ist keine Aussicht vorhanden, daß sie mißlingen könnte. Es ist offenbar keine Macht in Sicht, die die Bolschewisten abzulösen vermöchte. Ergo (nach Blüher): Sie ist legitim, sakrosankt, hat Ehre und kann nichts vom verruchten jüdischen Geist an sich haben. Und was die deutsche Republik anbetrifft, so müssen sich die Kappisten beeilen, sie endgültig zum Nichtgelingen zu bringen. Denn wenn sie dauert und sich festsetzt, so ist die ganze Blühersche Theorie umgestürzt, die Republik wird legitim, bekommt nachträglich eine Ehre, und der letzte Rest von jüdischem Geist ist aus ihr verduftet. Kurz, dies jganze Kapitel muß dann umgeschrieben werden. Inzwischen 'aber kommt „das" Weltpogrom. Blüher ist nicht engherzig, kümmert sich auch um das Schicksal des bißchen Welt, das außerhalb Deutschlands liegt, und da die Juden auch dort substanzmäßig und zwangsweise „das Reich stören", so kann sich die Welt nicht anders helfen als dadurch, daß sie ein großes Judenschlachten veranstaltet. Deutschland, versichert Blüher, wird das einzige Land sein, das vor dem Morde zurückschreckt. Es;ist unedel, den entwaffneten1 Feind zu quälen. „Der Deutsche ist kein Franzose." Aber der Weltpogrom kommt zweifellos. Nun ist es ja richtig, daß es in Deutschland noch nie einen Pogrom gegeben hat, obgleich namentlich die russischen Judenpogrome, seit Beginn der achtziger Jahre in Deutschland vorbereitet, mit deutschen Geisteswaffen gemacht wurden, und der deutsche Antisemitismus moralisch für sie verantwortlich ist. In Deutschland war es technisch ziemlich schwierig, einen regelrechten anständigen Pogrom zu machen, weil — viel zu wenig Juden an einer Stelle versammelt sind, die es den Helden möglich machen, einen Griff ins volle Leben zu, tun. Überdies war das Volk hier viel zu rechtlich, diszipliniert und an die Ordnung gewöhnt, um Gewalttaten in Massen zu verüben. Hier in Deutschland redete man Pogrome, in Rußland machte man sie. Was hier gesät wurde, ging dort blutig auf. Aber die Verwilderung, die der Weltkrieg mit sich gebracht hatte, und die offene Pogrom Propaganda, die schon nahezu vier Jahre anhält, haben auch hier den Rechtssinn des Volkes untergraben, und. was wir seit Monaten erleben, läßt uns bezweifeln, ob Blüher mit gutem Gewissen die Gewähr über-, nehmen kann, daß Deutschland das einzige Land sein wird, das vor dem Mord zurückschreckt. Auf jeden Fall behält Deutschland seine alte Rolle als Pflanzstätte des Pogroms bei, es fährt fort, das große Ausfuhrland für praktischen und theoretischen Antisemitismus zu sein, die Fabrik, wo die Waffen zur Vernichtung der Juden für die ganze Welt geschmiedet werden. ... In den fremden Ländern bekommen die Juden auf diese Weise „die Wirkungen des deutschen Geistes" zu verspüren. Und hier kommen einem eine Reihe unverbindlicher Betrachtungen über die ziemlich unbegreifliche Mentalität der Generation Blühers und seiner Mitstrebenden. Diese deutschen Männer geben sich alle Mühe, das Werk Lessings und Dohms und ihrer Nachfolger, die nahezu zwei Jahrhunderte hindurch für die Gleichstellung der Juden gekämpft haben, rückgängig zu machen. Von dem niedrigsten aller niedrigen Instinkte, dem Neid, lassen sie sich treiben, sie bedienen sich, wie wir' im Fall Blüher gesehen, im Kampfe gegen uns direkter Unwahrheiten und Verdrehungen, sie scheuen nicht davor zurück, die Ergebnisse der Wissenschaft zu fälschen, sie hoffen auf ein allgemeines 'großes Blutbad, alles lediglich zu dem1 Zweck, um das Häuflein Juden in ihrer Mitte loszuwerden. Juden gibt es in Deutschland (1919) unter mehr als 58 Millionen kaum' eine halbe Million, also 0,88 o/o, d. h. auf 100 Nichtjuden kommt noch nicht ein Jude. Alle Juden in Deutschland zusammengenommen machen 3,18 o/0 der Gesamtjudenheit der Welt aus, bilden also noch nicht deren dreißigsten Teil. Nahezu zweitausend Jahre wohnen diese Handvoll Juden schon unter den Deutschen. Das erste Buch, das in ihrer Sprache verfaßt wurde, war die Bibel der Juden, und das Buch, durch welches die religiöse und die sprachliche Erneuerung ihres Volkes bewirkt wurde, war abermals die Bibel der Juden und jene andere Bibel, deren Verfasser durchweg Juden dem Fleische und dem Geiste nach gewesen. Ihr größter Dichter stand geistig ganz unter dem Einfluß der größten jüdischen Philosophen. Mit keiner Sprache, die die Juden im Verlauf ihrer Weltwanderung angenommen, haben sie sich so innig und dauernd verbunden, wie mit der deutschen; sie haben siel in fernen Ländern bewahrt in der Form, die sie hatte, als die Juden Deutschland verließen und wurden in der weiten Welt unter deutschfeindlichen Völkern ihre Herolde und Vorkämpfer und hatten darob bittere Anfeindungen zu dulden. Andere westliche Länder sind bisweilen jahrhundertelang völlig" judenleer gewesen. Deutschland ist seit ungefähr 2000 Jahren niemals ganz ohne Juden ge-