Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 23 (1923)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1923)
- Article
- Philosophie des Pogroms
- Date
- 1923-03-01
- Page
- Seite 91 - 92 (sequence 17)
- Language
- German
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91 Philosophie des Pogroms 92 blieben. Vielleicht kein anderes der hochkultivierten Völker ist so tief in den jüdischen Geist ein-, gedrungen, hat so gründlich Sprache, Literatur, Sitten, Denkweise, Geschichte, kurz alle Lebensäußerungen der Juden in allen Ländern und leiten so gründlich erforscht, wie die Deutschen. Die deutschsprachige Literatur über jüdische Dinge ist wohl die umfangreichste neben der hebräischen. Nie haben zwei Völker, ein sehr großes und ein sehr kleines, sich gegenseitig tiefer durchdrungen, als die Juden und die Deutschen. Und dennoch besitzen die Deutschen nicht soviel „völkische" Energie und geistige Expansionskraft, daß sie (mit diesem verschwindenden Häuflein, mit dieser winzigen Handvoll Juden nicht anders fertig zu werden vermeinen, als indem sie mit ihnen verfahren, wie die primitiven Völker in den primitiven Zeiten der Geschichte? Wenn nun die Deutschen selber so wenig Vertrauen zu ihrer „völkischen" Werbekraft haben, so bekunden sie damit, daß ihnen die Fähigkeit abgeht, sich fremde Volkselemente einzuverleiben und sie einen „Weltpogrom" herbeisehnen müssen, um sie los zu werden, wenn sie ihnen begegnen. Wie kamen nun 'die Deutschen dazu, den Anspruch zu erheben, über fremde Völker zu herrschen: Polen im Osten, Italiener im Süden, Franzosen im Westen und, Dänen im Norden? Hatte nicht die Welt vollkommen recht, die Deutschen aus der Reihe der Kolonialvölker zu streichen, da sie die armen Naturvölker, die unter i,hre Oberherrschaft geraten, ja nur dezimieren und ausrotten, durch Pogrome vom Erdboden vertilgen können, aber nicht die Kraft besitzen, sie zu erziehen, sie um eine Stufe höher auf die Leiter des Menschentums emporzuheben nicht imstande sind. Die deutschen Antisemiten legen dafür vor aller Welt das lauteste Zeugnis ab und rechtfertigen die schlimmsten Feinde ihres Volkes. Ein eigenartiges Martyrium blüht aber jetzt den deutschen Juden im Auslande und jenen nichtdeutschen Juden, die in deutscher Sprache und Kultur erzogen, seelisch mit dem Deutschtum verbunden sind, ohne sich politisch irgendwie mit ihm zu identifizieren (wie dies: z. B. bei den deutschen Schweizern ebenfalls der Fall1 ist). So oft sie an diesen schweren Zeiten für das hartbedrängte Deutschland eintreten, hält ihnen der Fremde entgegen: „Ihr braucht euch ,kein Bein für die Deutschen auszureißen! Die Art, wie sie euch behandeln, ist der beste Beweiß dafür, daß die Bezeichnung Hunnen noch viel zu gut für sie ist." (Wörtliche Äußerung eines Amerikaners zu einer hervorragenden jüdischen ' Persönlichkeit, die die Sache der Deutschen verteidigte.) Am schmerzlichsten empfinden die Juden die rasche Abnahme der Sympathien für Deutschland unter ihren Glaubensgenossen: „Was wollen Sie?" antwortet man ihnen, „die Deutschen, ob leibhaftig oder im Geiste, bringen uns förmlich die Pogromgefahr, ihre Agitation unterwühlt unsere Gleichberechtigung, die Grundlage unseres bürgerlichen Daseins. Seit dem Aufhören des Krieges ist es, als ob die Deutschen 'gegen alle Juden der Welt einen neuen Weltkrieg' entfacht hätten. Sie verbinden sich mit den grimmigsten Deutschfeinden in .der ganzen Welt, nur um uns zu verderben. Jede neue antisemitische: Hetze in der ganzen Welt geht von Berlin ausi (so die Legende vom jüdischen Bolschewismus und von den Weisen von Zion). Wir müssen uns überall gegen den deutschen Einfluß wehren, denn er geht uns förmlich ans Leben. . ." Solche Reden müssen die deutschen Juden im Auslande hören. Und es gehört der ganze jüdische Optimismus, die trotzige Bejahung des Glaubens an den dauernden Sieg des Guten und an die Nichtigkeit des Bösen dazu, ,um nicht zu verzweifeln und dabei zu beharren, daß das Deutschland Lessings das wahre Deutschland ist, welches nur zeitweilig verdunkelt wurde, aber bald wieder auferstehen wird zu neuem Leben.