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Ost und West · 1923-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1923) · p. Seite 85 - 86

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Journal
Ost und West
Volume
23 (1923)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1923)
Article
Philosophie des Pogroms
Date
1923-03-01
Page
Seite 85 - 86 (sequence 14)
Language
German
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85 Philosophie des Pogroms 86 Volkes einzugreifen", wie es in Blühers Jargon heißt, sondern selber unmittelbar in die Geschichte einzugreifen. Bei vulgären Sterblichen würde ein Gefühl, wie das, welches diese beiden Juden bei Blüher erregen, gelber Neid heißen! bei Blüher istj es edle Entrüstung darüber, daß solche erhabenen Dinge, wie geschichtliches Wirken und wissenschaftliches Schaffen, durch die Berührung von Juden entweiht wird. Dazu kommt, daß dieser Albert Einstein eine ganze Anzahl von Genossen hat und die ernstliche Gefahr besteht, daß einmal ganze Wissensgebiete „verjudet" werden. Man bedenke doch nur, daß schon zehn oder zwölf Juden den Nobelpreis gewonnen haben, daß in Deutschland allein Gelehrte wie Ehrlich, Freud, Fries, Wassermann, Haber in kurzer Zeit aufeinander folgten. Dieses Gefühl, welches man bei Blüher natürlich nicht Neid nennen kann, bildet eines der Haupt- und Grundelemente Ides Antisemitismus, und es ist überaus amüsant 'und putzig zu sehen, wie man damit fertig wird.*) Jene derben und primitiven Naturen, deutsche Studenten, die im Sommer 1920 unter Führung des berühmten, sonst gänzlich unbekannten Prof. Weyland in der Philharmonie den glorreichem Krieg gegen die Relativitätstheorie ausfochten, machten ihren gepreßten Herzen Luft in dem Ruf: „Diesen verdammten Juden müßte man um einen Kopf kürzer machen." Ausländische Zeitungskorrespondenten haben diesen Ruf verewigt zum Gedenken an die Gesinnung deutscher Intellektueller. Blüher ist nicht mehr so ursprünglich, er ist von des Gedankens Blässe zu sehr angekränkelt. Es wäre allerdings ein großer Trost für ihn, wenn diese beiden Juden zum mindesten gemeine Kerle wären, wurmstichige Charaktere, wenigstens *) Daß bisweilen sogar Männer von vornehmer Gesinnung der hervorragenden Leistung einesjuden,zumal eines lebenden, nicht unbefangen genießend und würdigend gegenüberstehen können, beweist die Äußerung Karl Schefflers in seinem Buch über Max Liebermann, den er als einen großen deutschenKünstler betrachtet: „Diejuden könnenschon darum nicht zum Höchsten in der Kunst gelangen, weil sie, die reich Begabten, auf fremden Fundamenten ruhen." Nun, wenn damit die künstlerischen Ausdrucksformen gemeint sind, so ruhen auch Deutsche. Franzosen und sogar Italiener auf fremden Fundamenten, denn die Fundamente aller bildenden Kunst wuiden von den Griechen gelegt. Was aber die Schönheit der Natur und des Menschenleibes anbetrifft, Sonnenaufgang, Tag, Licht, Dämmerung, Wüste und Meer, Tod, Jubel und Verzweiflung, die doch auch ein wenig zu den Quellen und Fundamenten der Kunst gehören — hat sie der liebe Gott etwa ausschließlich für die Arier geschaffen und den Juden jeden Anteil an ihnen versagt? Man soll sich nicht verschwören! Wer weiß, ob nicht der Goethe, Michelangelo oder Beelhoven der nächsten Generation dem uralten, ewig jungen Samen Abrahams entsprießen wird. Viel Zähneknirschen und ohnmächtiges Wutgeheul wird er hervorrufen, daß er sich anmaßt, das Höchste zu können. Wie kommt er dazu? Sein persönliches Schicksal wird nicht beneidenswert sein. Aber weder er noch die Welt werden an der Tatsache etwas zu ändern vermögen ... unangenehme oder schlechte Menschen. Da könnte man sich trösten: Hat der Jude schon einmal Genie, muß er dabei sittlich minderwertig oder schlecht erzogen oder hochmütig und anmaßend oder habsüchtig und vordringlich sein. Aber nein! Diese Juden sind, wie zum Possen, gerade das1 Gegenteil von alledem, und beide bekennen sich frei und ruhig als Juden, der eine sogar mit Freude 'und Tatkraft. Da ist es nun interessant, zu beobachten, wie der Tschandalain stinkt des niedriggearteten Menschen hier einen Ausweg findet. Blüher sagt: „Dabei kann man, bei scharfen Augen, schon in der Gegenwart wissen, wer einmal geschichtliche Person sein wird und wer nicht. Beispiel: Hindenburg hat geschichtliche Disposition — Walter Rathenau nicht. Das hat nichts mit dem Verdienst zu tun. Es kann sein, daß Rathenau dem deutschen Volke mehr nützt als Hindenburg*), jaber er ist niemals geschichtliche Person. Verdienst entscheidet nicht; es ist immer n'ur die Gnade, nicht die Bemühung." Also Rathenau mag die Wände hinaufklettern, er mag das deutsche Volk aus der Schuldknechtschaft erlösen — geschichtliche Person wird er nie werden; hier waltet die Gnadenwahl, und der Jude steht nicht unter der Gnade. Aber einer hat es doch geschafft — Lassalle. Das bezeugt ihm der Professor Oncken in seiner schönen und gediegenen Lassallebiographie. Oncken muß sich dieses Bekenntnis förmlich abringen, es kostet ihn Uberwindung, denn er liebt Lassalle keineswegs, nicht nur wegen seiner reichlich vorhandenen unsympathischen Seiten, die Oncken nach Kräften unterstreicht, überstreng beurteilt, gelegentlich auch übertreibt, sondern auch einfach, weil Lassalle ein Jude war. Man hat das Gefühl, daß., der Verfasser es als eine Unbill des Schicksals, als eine Art Erniedrigung empfindet, daß er, der germanische Professor, einem Juden gewissermaßen Handlangerdienste leisten muß. Aber das wissenschaftliche Gewissen des zünftigen Gelehrten (Blüher gehört, wie wir wissen, nicht zu dieser Sorte) ist stärker als die 'Antipathie .gegen den' Semiten, und er erkennt Lassalle die Glorie zu, eine historische Persönlichkeit in der Geschichte Preußens zu sein. Den toten Rathenau haben immerhin Millionen deutscher Bürger ehrfurchtsvoll gegrüßt, Hunderttausende von Arbeitern, die allenfalls Anspruch darauf haben, als Deutsche zu gelten, haben vor seinem Sarge die Häupter entblößt und die Fahnen gesenkt. Wäre er am Leben geblieben, so wäre er vielleicht noch in einein ganz anderen Sinne eine historische Persönlichkeit geworden, als dies durch die Mordtat der feigen dummen Schufte geschehen ist — die ganz gewiß zu den eifrigsten Lesern Blühers gehörten. Auf eine ähnliche Weise *) Blüher schrieb lan'ge vor dem Rathenaumord.

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