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Ost und West · 1923-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1923) · p. Seite 81 - 82

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Journal
Ost und West
Volume
23 (1923)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1923)
Article
Philosophie des Pogroms
Date
1923-03-01
Page
Seite 81 - 82 (sequence 12)
Language
German
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81 Philosophie des Pogroms 82 -die die Maschinen abmontieren und nach Rußland schaffen konnten, ohne, sie zu beschädigen; man mußte warten, bis ein Stab heranrückte, in dessen Mitte genügend tüchtig vorgebildete und zuverlässige deutsche Offiziere vorhanden waren, denen diese Arbeit anvertraut werden konnte im Dienste des Vernichtungskampfes gegen die beiden deutschen Mittelmächte . . . .! In den Vereinigten Staaten haben die Deutschen nach der Kriegserklärung ihren Eifer, sich als „hundertprozentige Amerikaner" zu zeigen, so weit getrieben, daß sie ihre Schulen und Zeitungen zum größten Teil freiwillig schlössen und sogar eigene Abteilungen für den Krieg in Flandern ausrüsteten. Die großen streng nationalen Blätter, wie „Kölnische Zeitung" u. dgl., gaben mit Resignation zu, daß die Deutsch-Amerikaner nicht anders handeln konnten, und machten nur in betreff der eigenen Abteilungen einige sanfte Vorbehalte. Niemandem aber ist es eingefallen, hier von Mimikry zu sprechen. Es war dies ein Fall, da die Angehörigen eines der zahlreichsten, tapfersten und stärksten Völker der Welt sich buchstäblich versteckt haben in der Stunde der Gefahr, die am Ende doch nur eine Gefahr für einzelne war. Die Deutschen im vormaligen Russisch-Polen ■traten von jeher wahrlich nicht bescheiden auf, sie fühlten sich geborgen im Schatten des russischen Adlers, der sie als Geißel gegen die Polen gebrauchte. Und in den Monaten, da es schien, daß das Deutsche Reich und Oesterreich eine neue Teilung Polens vornehmen würden oder ersteres allein aus Russisch-Polen für sich so viel herausschneiden [und angliedern würde, wieviel ihm beliebte, um' den Rest an Rußland zurückzuerstatten — da träumten die Deutschen in Polen sehr laut von einer jOberherrschaft mindestens gleich der, die sie in. Posen ausübten. Aber als einige Monate darauf die Novembertage 1918 kamen und Gymnasiasten in den Straßen Warschaus deutsche Offiziere entwaffneten, da verschwanden die erst vor kurzem noch so stolzen einheimischen Deutschen von der Bildfläche, „verbargen sich mit ihrer ganzen Substanz"; „man sah damals in Polen nur polnische Gesichter", (um eine beliebte Wendung Blühers den Judeni gegenüber zu gebrauchen. Seit dem Entstehen des neuen Polenstaates sind die dortigen Deutschen so zahm, so loyal, machen sich' so klein und trachten so wenig als möglich Lärm zu stiften, wenn ihnen nur ihr Besitzstand zum ruhigen Genuß gewährleistet würde. Eine sehr, sehr große Partei unten ihnen, die ihre eigene mächtige Presse hat, strebt zur völligen Verschmelzung mit der polnischen Nation und will vom Deutschtum nichts wissen — man kann sicher sein, daß aus den Reihen dieser Deutschen künftighin die grimmigsten Antisemitenführer hervorgehen werden, und das wird dann der einzige Überrest vom „deutschen Wesen" sein, den sie bewahren werden ..... im Dienste des polnischen Nationalismus. Die polnischen Blühers fassen all diese Erscheinungen zusammen und sagen von den Deutschen ungefähr dasselbe, was unser Blüher von den Juden faselt: „Die deutsche Mimikry ist im Schicksal der Rasse verankert, d. h. in der Idee Germania." „Wenn der Deutsche Mimikry treibt, so verbirgt er seine ganze Substanz."! Haben die polnischen Blühers recht? . .. Von den Juden dagegen sagen die polnischen und die anderen Blühers — im Grunde auch unser Blüher — etwas ganz anderes, nämlich, daß sie nur Attribute, und zwar minder wichtigste, fallen lassen, ihre „Substanz", nämlich ihr Wesen, aber hartnäckig und unversehrt erhalten. Sie wären froh, wenn die Juden ihre „Substanz" verbergen wollten, denn dann gäbe es längst keine Juden mehr in der Welt, die „Idee Juda" wäre man gründlich los. Aber die Juden, seit sie Mimikry übten, nämlich seitdem sie, wie übrigens viele andere viel glücklichere Völker, gezwungen waren, vieles von ihrer Eigenart aufzugeben, um sich der Umwelt anzupassen, gaben mit größter Präzision nur das auf, was sie als unwesentlich erachteten — die Entscheidung darüber überließen sie natürlich nicht Herrn Blüher —, an ihre „Substanz" aber ließen sie keine Macht der Welt heran. Die Substanz verteidigten sie mit ihrem' Leben. Und diese Substanz, das war eben — das Judentum. Alles andere war nur der Schein, die äußere Hülle dazu, für die sie das Leben nicht hingaben. Diese äußere Hülle hatten alle anderen Völker auch — das Judentum hatte das jüdische Volk allein. Alle anderen Güter waren an bestimmte geographische Grenzen, an ein „Stück Landkarte" gebunden, und alle Völker mußten früher oder später von der Bildfläche verschwinden, sobald sie gezwungen waren,, ihre geographischen Grenzen und ihr Stück Landkarte aufzugeben. Was die geographischen Grenzen überwand und erhaben w(ar über alle Landkarten der Welt, das war eben das Wesentliche am Judentum. Es trotzte allen Martern des Mittelalters, allen tausendfachen Todesarten, allen Vertreibungen und Bedrückungen und — was gefährlicher war — allen Lockungen. (Die minderwertigen welken Blätter kommen natürlich nicht in Betracht.) Die Weltgeschichte kennt zahllose Fälle, da Tausende von Juden i freiwillig den Scheiterhaufen bestiegen, da ihrer Hunderttausende mit dem Wanderstab in der Hand Länder verließen, in denen sie Jahrhunderte lang glücklich waren, nur um die Lehren des Judentums nicht labschwören zu müssen und seine Religionsvorschriften frei üben zu können. Wo aber sind die Deutschen, die in den Feuertod gingen oder massen- 'haft. Verbannung auf sich nahmen, um nur ungestört deutsch sprechen zu können? Man zeige

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