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Ost und West · 1923-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1923) · p. Seite 79 - 80

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Journal
Ost und West
Volume
23 (1923)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1923)
Article
Philosophie des Pogroms
Date
1923-03-01
Page
Seite 79 - 80 (sequence 11)
Language
German
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79 Philosophie des Pogroms 80 schreibt: „die Professoren und die sonstige Intellektuaille", oder: „Darwinisten und sonstige Nichtkenner der Natur", so wirkt das förmlich erlösend auf die jugendlichen Gemüter, die ihren Durst lieber am Frühschoppen befriedigen, als an den Quellen der Wissenschaft, die im Laboratorium, Im Hörsaal und in der Bibliothek sprudeln. Über Blühers Schriften braucht man sich nicht den Kopf zu zerbrechen, wie über diejenigen der Darwinisten und der anderen Intellektuaille. Sie wirken wie das beste schäumende Bier, das in die Fäuste und in die Beine fährt, u,nd das, neben verwandten Getränken, auch bei den niedlichen Vorbereitungen zum Weltpogrom, die wir bisher erlebt, bekanntlich eine nicht ganz untergeordnete Rolle gespielt hat. Hoffentlich werden es die Leser nicht allzu schmerzlich vermissen, daß hier auf eine Analyse der eigentlichen Philosophie und Theologie Blühers verzichtet Avird. Aber einige mehr historisch-politische Konzeptionen müssen wir uns näher besehen. Da ist z. B. die Mimikry, dieser aus der Zoologie herübergenommene Begriff, mit dem Blüher den Gang der jüdischen Geschichte in der Zerstreuung erklärt. Gemeint ist die Tatsache, daß die Juden sich den Völkern und Staaten anpassen, in denen sie leben — gleichwie gewisse Organismen Färbung und Formen der Umwelt annehmen, um In ihr existieren zu können. „Die Juden sind das einzige Volk, das Mimikry treibt, Mimikry des Bluts, -des Namens und der Gestalt", versichert Blüher. Was Mimikry des Bluts und der Gestalt hier ist, weiß nur Blüher' allein. Übrigens gibt es kein: Volk in der Welt, das in dem Maße „Mimikry treibt", wenn man diesen zoologischen Prozeß auf das Völkerleben anwenden will — wie das deutsche. „Es haben sich oft unterdrückte Völker vor anderen verbergen müssen ...1 Wenn aber der Jude Mimikry treibt, so verbirgt er seine ganze Substanz", sagt Blüher. Nun, die Deutschen sind wohl das einzige Volk, welches Mimikry trieb, auch wenn es nicht unterdrückt, sondern Unterdrücker war. In jenen Jahrhunderten, als die Losung galt: „Gen Ostland wollen wir reiten!" und ganze unermeßliche Ländereien mit Deutschen kolonisiert wurden, verschwanden die Deutschen in wenigen Jahrhunderten fast spurlos unter einer Bevölkerung, die in jeder Beziehung unter ihnen stand; nur noch verstümmelte Namen von Familien und Ortschaften, einzelne Wörter in den lokalen Mündarten zeugten davon, daß hier ehemals Deutsche gelebt hatten. Nach der Schlacht bei Liegnitz wurden Massen Deutsche und Juden in Polen angesiedelt, um die durch die Mongolen verwüsteten Städte und Weiler wieder aufzubauen. Beide brachten sie eine im wesentlichen gleiche Mundart mit. Urkunden von christlichen deutschen Gemeinden aus dem Polen des 13. und 14. Jahrhunderts in lateinischer und Igotischer Schrift lauten ganz wie das Jüdische, welches noch heute im Munde der polnischen Juden lebt (abgesehen natürlich von den hebräischem Elementen, welche für dieses letztere charakteristisch sind). Als Juden und Deutsche damalsj inach Polen kamen, war die Sprache der beiden: Bevölkerungen also dieselbe. Aber nur im Munde der Juden allein hat sie sich bis auf den heutigen! Tag erhalten. Die Deutschen gaben sie auf und1 nahmen die polnische an. Sie gaben das ganze deutsche Wesen auf, sie verwandelten sich in Polen. Blüher müßte sagen: sie trieben Mimikry des Namens und der Sprache, sie versteckten sich vor den Polen unter den Polen, die die .Mehrheit waren, obwohl sie eher als Eroberer, keineswegs aber als Unterdrückte ins- Land kamen und sogar im Unterdrücken der Juden die alte aus der Heimat mitgenommene Weise betätigten. Das war bald auch das einzige, was noch „deutsch" an ihnen war. Hinwiederum erlebten wir es, seitdem' die Ostmarken an Polen fielen, daß viele Zehntausende Personen, deren Vorfahren seit Menschengedenken als Urdeutsche galten, plötzlich entdeckten, daß sie rein polnisches Blut in den Adern hatten und anfingen, sich als Polen reinsten Wassers zu fühlen. Es wird hier ganz abgesehen von jenen unzähligen Fällen, da Männer, deren lebendiger Zusammenhang mit dem Deutschtum noch ganz frisch und Unverkennbar ist an Sprache und Namen, „unter sotanen Umständen" nicht nur ihr Deutschtum verleugnet, sondern zu den Verfolgern des nunmehr bedrängten Deutschtums übergegangen sind. Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß viele unter den fanatischsten Führern der Allpolen — den polnischen Alldeutschen — deutsche Namen tragen, und gerade sie waren es, die während des Weltkrieges unter den Polen die deutschfreundliche Orientierung am heftigsten bekämpften und nach dem Kriege dasi Deutschtum am rücksichtslosesten unterdrückten. Njur zwei Namen seien aus der unübersehbaren Anzahl genannt: General Haller von Hallenberg und Generalsuperintendent Bursche. Oder darf man daran erinnern, wie weit die baltischen Deutschen, ein stolzer, kühner, erobernder und kolonisierender deutscher Stamm, mit einem trotzig herrschsüchtigen Adel an der Spitze, die Mimikry dem Moskowitentum gegenüber getrieben hat? Die ganze russische Dampfwalze, die sich vom Osten her wälzte, um Deutschland zu zermalmen, war in ihren auserwähltesten Bestandteilen kerndeutsch, adlig deutsch. Die Generale Rennenkampf, Scheidemann, Kaufmann, Graf Keller usw. ... In Galizien sah man ganze russische Generalstäbe, die nur Deutsch untereinander! siprachen. In Brody z. B. mußten die Fabriken lange unangetastet bleiben, weil unter den russischen Offizieren sich keine kundigen Techniker fanden,

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