Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 23 (1923)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1923)
- Article
- Philosophie des Pogroms
- Date
- 1923-03-01
- Page
- Seite 77 - 78 (sequence 10)
- Language
- German
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77 Philosophie des Pogroms 7S Wie soll man sich nun vor diesen Juden sicherstellen? |' Glaubt ihr etwa, der Zionismus könnte die Welt retten? „Er stammt vom jüdischen Adel, er fängt historisch an mit der Schrift Theodor Herzls „Der Judenstaat", sagt Blüher. „Mit steigender Geschwindigkeit der Secessio Judaica steigert sich der Zufluß der jüdischen Tschandala-Massen, die noch vor 20 Jahren den Zionismus verlachten und auf ihre Geborgenheit im europäischen Leben pochten." Verjagen wir also sämtliche Juden nach. Palästina. Aber was wird das nützen? Wie, wenn sie dort fortfahren, korruptive jüdische Gedankengänge auszubrüten und, im Zeitalter des Luftschiffes lund der drahtlosen Telegraphie, sie auf Schleichwegen ihren ehemaligen Wirtsvölkern zu übermitteln, um diese von der Idee ihres Volkes und der Erkenntnis ihres Schicksals abzulenken? Wie, wenn sie dort fortfahren, sich an zukünftigem deutschem Geistesgut zu vergreifen und es sich anzueignen? Viel schlimmer aber ist folgendes: Blüher versichert, es gehöre zum Schicksal der Deutschen, „mittelmeerisch" bestimmt zu sein; „der Zusammenstoß und die schöpferische Einheit von Mittelmeer und Germanentum ist der Deutsche, und nur der hat Geschichte". Ohne Schwulst ausgedrückt heißt das, der Deutsche strebt, sich in den Mittelmeerländern anzusiedeln. Auch in Palästina. Schon lange vor dem Kriege gab es daselbst eine Anzahl blühender deutscher Ackerbaukolonien und eine immer steigende Einwanderung Deutscher dorthin. Hätten die Deutschen gesiegt, so wäre das Heilige Land heute eine deutsche Kolonie, wie es jetzt eine englische ist, und ein großer Teil der jetzt nach Ubersee auswandernden Deutschen würde sich nach Palästina wenden. Aber auch so werden sich sehr zahlreiche Deutsche dort ansiedeln und sich eine neue Heimat gründen, zumal die palästinenh sischen Juden, zu 99% aus Osteuropa stammend, rege Handelsbeziehungen zu Deutschland unterhalten, was ihnen Hans Blüher nicht verwehren kann. Die Deutschen werden also den Juden nach (Palästina nachfolgen, wie sie ihnen vorausgeeilt sind. Wie soll man nun diese Deutschen, die doch im engen Zusammenhang mit ihrem Mutterlande bleiben werden, davor schützen, von korruptiven jüdischen Gedankengängen verseucht zu werden und die Seuche nach der alter» Heimat zu verschleppen? Doch es gibt ein unfehlbares Mittel. Hans Blüher weist darauf mit nachdrücklicher Sicherheit hin. „Das Weltpogrom'kommt zweifellos", prophezeit er wiederholt. Es braucht ja nicht gerade das IWeltpogrom zu sein, der Weltpogrom ist ja auch nicht schlecht; und er kommt zweifellos. Hans Blüher jubelt ihm heimlich entgegen. Der Weltpogrom wird die Welt erlösen. Schön. Aber was ist hier Neues dabei? Vor mehr als hundert Jahren hatte schon Fichte vorgeschlagen, man solle allen Juden in einer Nacht die Köpfe abschlagen und andere aufsetzen, in denen keine einzige jüdische Idee vorhanden ist. Das war wahrscheinlich nur in philosophischem Sinne gemeint, aber nach dem Weltkrieg, im Zeitalter der Prothesen, haben wir es so herrlich weit gebracht, daß wir leicht sämtlichen Juden Holz- oder Kautschukköpfe aufsetzen könnten, dann erst wären wir sicher, daß keine einzige jüdische Idee darin keimen würde. Nun hat sich die europäische Menschheit jahrelang im Abhauen von Armen, Beinen, Köpfen und anderen überflüssigen Gliedmaßen geübt, gegen 25 Millionen junger Menschen sind auf diese Weise von manchem Ballast befreit worden. Es würde wohl nicht schwer fallen, das Fichtesche Programm wenigstens in seinem ersten Teil zu verwirklichen. Den anderen Teil könnte man ja für ein anderes Mal aufschieben, so dringend ist es ja nicht mehr; und die Welt hätte Ruh. VÖLKERPSYCHOLOGISCHE PARALLELEN Hans Blühers „neuer" Antisemitismus will „ohne Haß sein", in Wirklichkeit dürfte in der ganzen antisemitischen Literatur schwerlich eine Schrift anzutreffen sein, die auf dem engen Raum! von etwas über 60 Seiten so -viel Gift senthält, wie seine (Secessio Judaica. In dem Bemühen,, seinen Haß philosophisch auszustaffieren, geriet Blüher unversehens in die Theologie, und das Ergebnis war ein dickleibiger Wälzer: „De Aristie (des Jes'us von Nazareth", den die zünftige, berufsmäßige Wissenschaft mit einer geringschätzigen Handbewegung abgelehnt hat. Aber da kam sie bei Blüher schlecht an. Niemand verachtet die zünftige Wissenschaft gründlicher als er. Hierin ist er ein Nachläufer Chamberlains und auch ein bischen Nietzsches, deren Stil er mach Kräften zu, kopieren bestrebt ist. Aber Blüher ist gleichwohl eine geistige Macht' im heutigen Deutschland. Er ist einer der Führer der.freideutschen Jugendbewegung. Seine Gemeinde zählt nach Hunderttausenden nnfer den Zwanzigjährigen, der hoffnungsvollen Jugend, die nach einem Jahrzehnt. berufen sein wird, die Nation politisch, wirtschaftlich und geistig zu lenken. Vorläufig ist das die Schicht der Unreifen, Halb- und Viertelgebildeten aller Stände, besonders der studierenden Jugend. Ihr imponiert Blühers verachtungsvolle Art, von der „zünftigen" Wissenschaft zu sprechen gar gewaltig und ist ihr äußerst sympathisch, denn sie enthebt sie der .mühseligen langweiligen Geistesarbeit. Wenn Blüher