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Ost und West · 1923-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1923) · p. Seite 71 - 72

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Journal
Ost und West
Volume
23 (1923)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1923)
Article
Philosophie des Pogroms
Date
1923-03-01
Page
Seite 71 - 72 (sequence 7)
Language
German
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71 Philosophie des Pogroms 72 lismus von Juden stammen?' Blüher nennt drei Fälle, die vollkommen belanglos lind nichtig sind; man darf aber die scharfen Kritiken des Sozialismus von Seiten „bürgerlicher" Juden nicht verschweigen, am wenigsten den Revisionismus von. Eduard •Bernstein, den die orthodoxen Marxisten als die größte Ketzerei betrachteten. Blüher antwortet auf. diese Frage wie folgt: „Die Lösung lautet: diese Theoreme sind nicht geschichtsfähig. Sie sind nicht'einmal im kleinen durchführbar und bleiben immer Ideologie im guten. Sinne. Nur die materialistischle Fälschung greift in die Geschichte ein, milder große Flügel des Judentums, der zur Destruktion beordert ist, hat Macht über die Massen"____„Wir Juden sind zugleich Propheten und Zerstörer, sagte einmal einer von ihnen. Sie sind Propheten für sich und Zerstörer für andere." Welcher Jude hat das gesagt? Offenbar einer aus dem mythischen Reiche der Substanz; in dem geschichtlichen Reiche der Erfahrung unterscheidet sich dieser Jude von allen' anderen Juden nur dadurch, daß er überhaupt nicht existiert. Es war derselbe Jude, der die Zarenfamilie ermordet hat, derselbe, der vom 12. bis zum 16. Jahrhundert geweihte Hostien mit Messern zerstach und mit eisernen Beilen , zermalmte, um aus ihnen das Blut Christi herauszupressen und seinen Leib zu martern, derselbe, der noch heute von Zeit zu Zeit ein Christenkindlein schlachtet, und dessen Blut in den Passahwein träufelt, derselbe, der die Protokolle der Weisen von Zion verfaßt hat, der den famosen Ausspruch getan: „Die Revolution ist der Stern Judas." Seit mehr als drei Jahren durchstöbern wir alle möglichen . Bibliotheken, untersuchen alle' möglichen alten Scharteken und Hefte, um den Ursprung dieses Satzes zu entdecken. Alle Mühe ist vergebens, aber in hunderten von antisemitischen Versammlungen versichern die Redner, sie hätten ihn mit eigenen Augen gelesen, er stehe da und dort in irgendeinem zwölfbändigen Werke geschrieben. Wir können überzeugt sein, daß auch dieser von Blüher in die Welt gesetzte Satz zum eisernen Bestand des antisemitischen Zitatenschatzes werden ^wird... Es hat gewiß einen Sinn, die Juden das Volk der Propheten, zu nennen, gleich wie man die Deutschen als das Volk der Dichter und Denker bezeichnet hat. Aber daraus folgt noch lange nicht, daß jeder Jude ein Prophet sein müsse, ebensowenig, wie jeder Hans Blüher ein Dichter und ein Denker ist. Viele Schreibjünglinge unter uns halten sich allerdings1 für Propheten, und da sie tagaus, tagein vorgesetzt bekommen, daß die Juden mit einem, schrecklichen Zerstörungsgeist begabt seien, halten sie sich für furchtbar dämonisch, gefährlich und . höchst interessant und. machen die krampfhaftesten Anstrengungen, um. dem lieben Leser und der lieben Leserin so zu erscheinen... Im übrigen ist ja jeder Prophet und Bahnbrecher zugleich ein Zerstörer; Luther war es, und der „Allzermalmer." Kant, sogar Bismarck... Es ist, wie man sieht, gar nicht auszumessen, was für Gefahren der deutschen Nation von Seiten Judas drohen. Glücklicherweise hat die Geschichte rechtzeitig für ein Remedium gesorgt. Das ist die Secessio Judaica, die Hans Blüher ebenfalls entdeckt hat. Er hat eine Schwäche für lateinische und griechische Brocken, nur wendet er sie leider meist falsch an: Auf gut d e u t s c h h e i ß t das: „Abmarsch der J uden." „Man spürt bereits die Secessio Judaica in der Musik, -man spürt sie in . der Dichtung, in der Schauspielkunst, im Tanz 'und-in der Gymnastik, man spürt sie in der Naturwissenschaft und in der Philosophie." „Jeder Meister in irgendeiner Kunst wird in absehbarer Zeit genau sagen können: „Das ist jüdisch". Neu ist das aber n'ur im. Reiche der Substanz. In der gemeinen Wirklichkeit und Empirie fühlte man längst die „jüdische Note" in vielen Schöpfungen der Kunst heraus, vorwiegend in der Malerei und in der Musik, auch auf manchen Gebieten der Wissenschaft, vornehmlich der Jurisprudenz. Man fand die jüdische Note sogar bei einem so echten Germanen, wie Rembran dt, den manche Kunstkritiker Jahrzehnte nach seinem Tode allen Ernstes für einen Juden hielten*). Nur, daß diese jüdische Note,so verderbenschwanger und unheilbringend sei, das ist die neue Errungenschaft der letzten Jahrzehnte.. Nun schildert Hans Blüher als Entdecker der „Secessio Judaica" mit sichtlicher Wonne das enorme Anschwellen des Antisemitismus in den letzten, Jahren : „Er befindet sich im Stadium des Organischwerdens." „Die Flut der antisemitischen Literatur nimmt zu und findet bereiten-Boden." „Der Antisemitismus ist,-ohne daß man es schon ganz zugeben will, ein Grundvorgang des deutschen Menschen geworden." „Ein anderes Symptom in der wachsenden Secessio ist das Aufkommen des Hakenkreuzes." Hier beginnt der Gallimathias. Das ist nämlich keine Secessio, sondern eine Secretio, Secretio Judaeorum. Zu deutsch: „Juden raus!" Bekanntlich auch nicht mehr ganz neu. Aber wie swäre das anzustellen, die Juden „in der Substanz" von der deutschen geschichtsempfindlichen Schicht *) Im Jahre 1895 oder 1896 brachte der- „Pester Lloyd" ein geistvolles Feuilleton von Ludwig Hevesi über ein angebliches Buch von einem amerikanischen Richter und Kunstforscher, der auf Grund einer Fülle von Tatsachen und mittels einer feinen ästethischen Analyse die alte These, daß Rembrandt ein Jude gewesen sei, nachgewiesen haben wollte. Die Ausführungen waren so überzeugend, daß. sie großes Aufsehen machten und von -allen Seiten Nachfragen nach dem Buche kämen; Bis schließlich Ludwig Hevesi erklärte, er habe sich einen Spaß gemacht, um die Antisemiten zu ärgern.

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