Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 23 (1923)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1923)
- Article
- Philosophie des Pogroms
- Date
- 1923-03-01
- Page
- Seite 67 - 68 (sequence 5)
- Language
- German
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67 Philosophie des Pogroms 68 Schon Montesquieu betonte in seinem „Geist der Gesetze" ungefähr hundert Jahre vor Marx nachdrücklich den Zusammenhang zwischen Bodenbeschaffenheit und Klima eines Landes und den Sitten und Gebräuchen seiner . Bewohner, zwischen ihrem Handel und ihrer Lebensweise einerseits und ihrem politischen Zustand und ihrer Religion andererseits. Saint-Simon geht im zweiten Stadium seiner Entwicklung, namentlich in seinem „Systeme industriel" (1821) und seinem „Catechisme des industrielles" (1823) noch viel weiter. Er lehrt: Die Entwicklungsstufen der Industrie (worunter er die gesamte gewerbliche Tätigkeit der Menschen, also auch die Landwirtschaft, versteht) sind die entscheidenden im Völkerleben; die „industriellen Ideen" bilden das die Gesellschaft zusammenhaltende Band; die Nationen sind für ihn wesentlich nichts anderes als Industriegesellschaften. Von Saint-Simon rührt auch die Einteilung der Gesellschaft in Klassen her, je nach ihrer industriellen und sozialen Stellung, und die Auffassung der Geschichte als einer Reihe von Klassenkämpfen. Im ausgehenden Mittelalter und in der Neuzeit, lehrt Saint-Simon, erwachse der. feudalen Klasse ein gefährlicher Gegner in der zu immer größerer Macht gelangenden industriellen Klasse, die der ersteren schließlich die Herrschaft im Staate entreißt. Der Widerstreit der beiden Klassen beruhe nicht auf der Verschiedenheit ihrer intellektuellen Grundlagen, sondern ihrer wirtschaftlichen und sozialen Systeme. Der Umstand, daß die industrielle Klasse nicht nur eine immer wachsende wirtschaftliche Macht in ihren Händ-en vereinte, sondern es auch verstand, die positive Wissenschaft in ihren Dienst zu stellen, verlieh ihr jene kulturelle Überlegenheit, die es ihr ermöglichte, die politischen Institutionen nach ihren Bedürfnissen umzugestalten. Die politischen Fortschritte sind also nur eine Folge der wirtschaftlichen. An einzelnen Stellen macht Saint- Simon sogar den Versuch, die Metaphysik des 18. Jahrhunderts in Zusammenhang zu bringen mit den Interessen der emporstrebenden industriellen (bürgerlichen) Klasse, also die ideellen Erscheinungen als Spiegelungen, als Reflexwirkungen, als Überbau der wirtschaftlichen Tatsachen und Wandlungen, hinzustellen. Wir haben hier in ovo den ganzen marxistischen historischen Materialismus. Dieser enthält in seiner ausgereiften Fassung aber auch noch eine Anzahl anderer Ingredenzien. Ludwig Feuerbach hatte in seinem „Wesen des Christentums" (1841) den Satz aufgestellt: „Nicht 'Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbilde geschaffen, sondern der Mensch schafft Gott nach seinem Ebenbilde." Diese Umkehrung des biblischen Wortes klingt wie ein frivoler Witz, und wäre Feuierbach ein Jude gewesen, so wäre der Satz ein untrüglicher Beweis für die Frivolität und Pietätlosigkeit der Juden geworden. Indessen enthält er ein Körnchen Wahrheit: Die Gottesvorstellung jedes einzelnen Menschen entspricht seinen intellektuellen und moralischen Fähigkeiten. Goethe sagt: „Wie der Mensch, so ist sein Gott, darum ward Gott so oft zum Spott." Die religiöse Höherentwicklung des Menschengeschlechts beruht darauf, daß das einzelne überragende religiöse Genie seine Gottesvorstellung ganzen Völkern auf Jahrtausende hinaus aufzwingt. Aber Feuerbach irrte, wenn er glaubte, mit diesem Witz die Religion totgeschlagen e!u haben. Damit nämlich der Mensch imstande sei, Gott nach seinem Ebenbilde zu schaffen, überhaupt etwas rein Geistiges, Ideelles, Abstraktes zu konzipieren, muß Gott ihn zuerst nach seinem Ebenbilde geschaffen haben. Immerhin drückt dieser Satz aus, daß eine Idee, und zwar eine der obersten Ideen, ja das ganze Ideensystem der Religion eine Hinausprojizierung des menschlichen Bewußtseins ins Ewige ist oder, in Marxens Sprache, eine Reflexwirkung des menschlichen Wesens. Was ist aber das Wesen des Menschen? Hier gewann Marx seinen Standpunkt in der Auseinandersetzung mit der Hegeischen Rechtsphilosophie. Von Hegel lernte er, daß der Mensch sein Wesen erst In der Gesellschaft voll entfalte, der Einzelmenscli das Material sei, aus dem die Geschichte die Menschheit forme. Was aber ist es, daß die Einzelmenschen (aneinander kittet und aus ihnen die menschliche Gesellschaft bildet? Darauf antwortet Marx: die Arbeit. Das ist der'Tiegel, in dem die Menschen zu, Völkern, .die Völker zur Menschheit umgeschmolzen werden. Die Arbeit hat zum Zweck, die Güter des Lebens zu produzieren. Die produktive Arbeit ist demnach die Grundlage der Gesellschaft, in der erst das Wesen des Menschen voll zjur Geltung . kommt. .-Für Marx ist es also nicht der Einzelmensch, der die Idee Gott und die ganze Ideenwelt nach seinem Ebenbilde schafft, sondern der soziale, der schaffende und arbeitende Mensch. Es ist nicht zu verkennen, daß diese Auffassung ungleich höher steht als die Feuerbachs. Drei Grundgedanken, die von Saint-Simon, Hegel, Feuerbachherrühren, sind also in der Konzeption von Marx verschmolzen, der ihnen durch den Begriff der sozialen Arbeit die formal logische Synthese gab und so eine philosophisch durchgebildete Methode der Geschichtsbetrachtung schuf. An der tiefen Fälschung, die vernichtend in die geschichtsempfindliche Schicht der Völker ein - greift, haben also neben dem „Juden" Marx mindestens drei Nichtjuden mitgearbeitet. Von Engels iganz zu schweigen, denn dieser war ja sicherlich durch den ■< Juden Marx „verseucht", der übrigens tatsächlich der überlegene Geist war. öegen