Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 23 (1923)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1923)
- Article
- Philosophie des Pogroms
- Date
- 1923-03-01
- Page
- Seite 65 - 66 (sequence 4)
- Language
- German
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65 Philosophie, des Pogroms 66 bau, dann zum Städteleben und zum militärischen, bürgerlichen und industriellen Staat, bewirkte jedesmal eine Umgestaltung der ganzen Vorstellungswelt, alle Wandlungen und Kämpfe in dieser Vorstellungs- Avelt, die den Inhaltder Geschichte ausmachen, sind abhängig von den vorausgegangenen Wandlungen in der Wirtschaft, die die soziale Materie der Weltgeschichte bildet. Will man die Ursachen der französischen Revolution von 1.790 ergründen, so dürfe man nicht bei den Ideen der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit stehen bleiben, sondern man muß auf die ökonomischen Veränderungen, zurückkommen, die jenem Ereignis vorausgegangen waren. In der Industrie und im Großhandel wuchs eine seit einem Jahrhundert immer mehr erstarkende Klasse heran, die nach der Beseitigung der alten 'Zünfte und Gilden, der Zoll- und Verkehrsschranken und aller anderen Hindernisse und Beschränkungen des Wirtschaftslebens strebte. Als diese Klasse stark genug geworden war, zerschlug sie die alte Staatsform und errichtete das -Reich der wirtschaftlichen Freiheit. Diese Vorgänge fanden ihren ideologischen Ausdruck in den Ideen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Es ist klar, daß der geschichtliche Materialismus mit dem philosophischen kaum, eine entfernte Ähnlichkeit, aber keinerlei Wesensverwandtschaft aufweist. Es wäre nun sehr schön, wenn man diese beiden Arten von Materialismus auf das Schuldkonto der Juden setzen könnte; denn beide scheinen die Materie über den Geist zu stellen, das Grobmaterielle, Sinnliche als das, Wesentliche, Höhere zu betrachten, das rein Geistige, Ideelle dagegen herabzusetzen, es als das Zufällige, Nebensächliche, Minderwertige hinzustellen. Beide leugnen angeblich Gott, Seele, Unsterblichkeit, zersetzen Religion, Kirche, Staat, Volk- und zerstören die heiligsten Güter der Menschheit. Leider ist das für den philosophischen Materialismus beim besten Willen nicht möglich. Ihm hat kein namhafter jüdischer Denker jemals gehuldigt. Spinozas pantheistischer Monismus ist wohl von manchem als atheistisch betrachtet worden, es ist aber noch niemandem eingefallen, ihn als Materialismus zu verschreien. Nicht einmal Hermann Cohen, der Spinoza glühend bekämpft, hat das getan. Vielfach wird Spinozas Lehre als die allein mögliche und endgültige Uberwindung des Materialistaius. betrachtet. Ja, Hans Blüher selber ist ein feuriger Bewunderer Spinozas — wogegen der arme jüdische Weise sich allerdings nicht wehren kann. Dagegen knüpft sich der historische Materialismus an den Namen von Karl Marx, der dem Blute nach Jude war. Nun ist es durchaus nicht wahr, daß der Materialismus, auch der philosophische, indem er die Materie erkenntnistheoretisch als das Primäre ansieht/sie notwendig auch höher stellen muß, als das Geistige. Nehmen wir an, einem materialistisch gesinnten Psycho-Physiologen gelänge es, die ganze musikalische Schöpfertätigkeit Beethovens bis ins einzelne restlos auf Bewegungen und Veränderungen in der Hirnmasse und in dem Nervensystem zurückzuführen, die letzten Endes mit Vorgängen in den Verdauungsorganen zusammenhängen. Wird dieser Forscher, solange er seines Verstandes mächtig ist, darum etwa die Neunte Sinfonie als das Nebensächliche, Minderwertige, Belanglose im Vergleich mit . dem betreffenden Verdauungs- und Sekretionsakt betrachten? Eine materialistische Weltanschauung muß nicht notwendig auch eine materialistische Wertanschauung sein, wenn sie auch, namentlich bei oberflächlichen Köpfen, zu dieser hinführen kann. Das gilt noch viel mehr vom historischen Materialismus, der das ganze System der „Ideen" eines gegebenen Zeitalters als Überbau über der Grundlage eines Systems wirtschaftlicher Erscheinungen und Vorgänge gedeutet wissen will. Ein griechischer Tempel, ein gothischer. Dom bildet unzweifelhaft einen Uberbau über einem recht derben, handfesten, aus ganz gemeinem Material, nach nüchternen, handwerksmäßigen Regeln hergestellten Unterbau. Je feiner und zarter der Turm ist, den der Künstler himmelanstrebend errichtet, je höher er ihn in die Region der Wolken hinaufführt, desto solider und. gröber wird die Grundmauer sein müssen, die er vom Handwerker verlangt, und desto tiefer wird er sie in die Erde hinabsenken. Aber nicht die Grundmauer, der Unterbau, sondern das Tympanon und der Fries des griechischen Tempels, der Turm oder die Kuppel des-Doms sind das allein Wertvolle, das Hauptsächliche, das Ewige, das dem Bauwerk Leben, Seele und Unsterblichkeit verleiht. Die Völker mühen und quälen sich in schwerer Arbeit und Kampf mit der gemeinen Not der Wirklichkeit, um die materiellen Grundlagen zu schaffen, auf denen sich der Uberbau der Ideen erheben kann; je fester, solider und sicherer dieser gemeine Unterbau ist, desto prächtiger und edler kann der Uberbau werden, in welchem die Völker wohnen, 'den sie lieben, für den sie kämpfen und leiden, den sie den künftigen Geschlechtern als kostbares Erbe überliefern und dessen Wandlungen den Inhalt ihrer Geschichte ausmachen. Es handelt sich hier, wie man sieht, um eine geschichtsphilosophische Methode, die man annehmen oder ablehnen kann, ohne Rücksicht darauf, ob man jüdisches oder nichtjüdisches Blut in den Adern hat. Der „Jude" Marx hat ihr den letzten Schliff gegeben. Ist sie auch seinem Kopfe entsprungen?