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Ost und West · 1923-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1923) · p. Seite 63 - 64

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Journal
Ost und West
Volume
23 (1923)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1923)
Article
Philosophie des Pogroms
Date
1923-03-01
Page
Seite 63 - 64 (sequence 3)
Language
German
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63 Philosophie'des Pogroms 64 J'uden Marx finden, können wir als dessen Vater einen deutschen Professor ansprechen, den berühmten Philosophen Christian Wolff (1679 bis 1754), den Begründer der deutschen Aufklärung. Wolff -hatte nämlich zuerst den Lehrsatz aufgestellt, •daß alle Menschen von Natur aus gleich seien. Rousseau (1712—1778) vertrat die gleiche Lehre später in Frankreich. Es sind also alle deutschen Stände mitschuldig daran, den „korruptiven Gedankengang" des Sozialismus in die Welt gesetzt, durch ihn das deutsche Volk ins Mark getroffen und ihm die Ehre genommen zu haben. Daß aber alle diese nichtjüdischen Männer von den Juder* bestochen 'und gekauft worden wären, ist nicht ganz wahrscheinlich. Folgende Tatsache ist nämlich bemerkenswert: Das Wirken all dieser Männer fällt in das Zeitalter, da die Juden um ihre Gleichberechtigung kämpften, und unter ihnen allen war Robert Owen 'der einzige, der im englischen Unterhaus die Sache der Juden verteidigte. Fourier bekämpfte und schmähte die Juden. Lassalle, der, obwohl der einflußreichste deutsche Agitator seiner Zeit, doch lange nicht vollberechtigter Staatsbürger war — er hätte z. B. nicht Volksschul- oder Oberlehrer an einer öffentlichen preußischen Schule werden können —, Lassalle, der seine ganze Kraft der Emanzipation des vierten Standes widmete, hat für die Emanzipation der Juden nie ein Wort gesprochen, nie den kleinen Finger gerührt; dagegen finden sich von ihm ein paar Äußerungen, die seine unverhohlene Abneigunig gegen das Judentum bekunden. Marx (der in seinem sechsten Lebensjahr getauft wurde, also persönlich unter der Rechtlosigkeit der Juden nicht zu leiden hatte) hat sogar eine ganze Schmähschrift gegen die Juden verfaßt, mit der er den um ihre Gleichberechtigung Kämpfenden förmlich in den Rücken fiel. Das alles ist keine „Substanz" und keine Metaphysik, sondern nackte Tatsache. Noch schlimmer ist es um den jüdischen .Ursprung der materialistischen Geschichtsauffassung bestellt, die Blüher als den niedrigsten der korruptiven Gedankengänge des Judentums hinstellt und die er mit dem Materialismus schlechthin identifiziert. „Nur ein Jude konnte eine so tiefe Fälschung finden, daß sie vernichtend in die geschichtsempfindende Schicht des Volkes eingreifen konnte." „Jedes Volk, das der Stimme Judas Gehör schenkt, ist verloren." „Der jüdische Sozialismus hat die» Aufgabe, die Völker von der Idee ihres Volkes und von der Erkenntnis ihres Schicksals abzulenken. Er ist leicht verständlich, jeder kann ihn lernen, 'er befriedigt die Besitzgier des niederen Volkes und ist daher die exquisite Pöbelphilosophie." Man muß diesen Punkt ausführlich behandeln, weil er von besonderer Wichtigkeit ist. Die Wahrheit — nicht die „Substanz" — sieht nämlich ganz anders aus. Die sogenannte materialistische, richtiger wirtschaftliche Geschichtsauffassung, als deren Urheber Marx gilt, hat mit dem metaphysischen oder erkenntnistheoretischen Materialismus, wie er in Deutschland besonders von Feuerbach und Büchner vertreten wurde, nichts zu tun. Einer der eifrigsten Apostel des historischen Materialismus, Franz Mehring, hat an Ludwig Büchner zu seinem Jubiläum 1893 einen "hohnvollen und grimmigen Absagebrief gerichtet — im Namen des Sozialismus. „Materialistisch" stammt hier gar nicht vom Begriff Materie, womit jener undefinierbare Urstoff bezeichnet wird, der nach der Lehre des Materialismus das allein Wirkliche und Seiende im Weltgeschehen ist, und' als dessen bloße Funktion alles Geistige hingestellt wird, sondern von Material.- Als Material des geschichtlichen Weltprozesses gelten nämlich für Marx die wirtschaftlichen Vorgänge innerhalb der menschlichen Gesellschaft. Während nun der philosophische Materialismus die Existenz des Geistigen als selbständiger Wesenheit leugnet und das ganze Seelenleben und alle geistige Tätigkeit des Menschen unmittelbar auf Bewegungen und Veränderungen der Materie in Hirn- und Nervensystem zurückführt („Bewegung ist Denken", „ein- Gedanke entsteht im Gehirn, (ganz wie die Sekrete in den Nieren", „kein Gedanke ohne Phosphor"), betrachtet der historische Materialismus die Inhalte der geistigen Kultur jeder gegebenen Epoche als bedingt von den wirtschaftlichen Vorgängen. Die staatlichen- Einrichtungen, die rechtlichen, philosophischen, ethischen, ja sogar die künstlerischen und literarischen Ideensysteme bilden nach ihm den ideologischen Überbau über der wirtschaftlichen Grundlage. Friedrich Engels formuliert das folgendermaßen: „Die materialistische Anschauung der Geschichte geht von dem Satze aus, daß die Produktion und nächst der Produktion der Austausch der Produkte die Grundlage aller Gesellschaftsordnung ist; daß in jeder geschichtlich aufstrebenden Gesellschaft die Verteilung der Produkte und mit ihr die soziale Gliederung der Klassen oder Stände sich danach richtet, was und wie produziert und. wie das Produzierte ausgetauscht wird." Marxhat diesen Teil seiner Lehre nirgends systematisch entwickelt, sondern nur in gelegentlichen Bemerkungen skizziert, die zusammengefaßt folgende Gedankengänge ergeben: Für eine wissenschaftliche Erkenntnis der Menschengeschichte kommt es auf das Erforschen ihrer notwendig bestimmenden Grundlage an, und diese ist die Sozialwirtschaft, von welcher Sitten und Gebräuche, künstlerische, philosophische und religiöse Vorstellungen, vor allem politische Verfassung und Recht abhängen. Der Übergang der Menschen vom Nomadenleben zum seßhaften Acker-

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