Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 23 (1923)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1923)
- Article
- Aufbauende und zerstörende Kräfte in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 39 - 40 (sequence 7)
- Language
- German
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39 Aufbauende und zerstörende Kräfte in der jüdischen Geschichte 40 dem Organisator des „nationalen Widerstandes" nach dem Sturz des zweiten Kaiserreichs bis zum Vater des Friedens von Versailles führt. Es ist nicht ein Überblick, der uns hier geboten wird, sondern eine Orientierung ins einzelne, eingehend und doch mit meisterhafter Knappheit. Plastisch werden uns die bedeutenden Persönlichkeiten vorgeführt. Das Zusammenspiel der inneren und der äußeren Politik wird gezeigt; überall wird der Einfluß der wirtschaftlichen Vorgänge auf die Politik dargelegt und wie sich das materielle Leben in den geistigen Bewegungen spiegelt. Die französische Kolonialpoliti'k und der Aufstieg Frankreichs zur Weltmacht bilden heute für. uns besonders interessante Kapitel, weil sie ohne die direkte und indirekte Beihilfe Deutschlands unmöglich gewesen wären. Marokko stand am Anfange jener Linie, die zur Katastrophe führte. Alle diese bereits halb vergessenen Ereignisse werden wieder lichtvoll erzählt, der Kriegsausbruch, der Verlauf des Krieges, der „Friede" von Versailles — werden analysiert. So schmerzlich all dies auch ist, der Verfasser .gibt nie auch nurein Jota von seiner nationalen Würde auf. Er lehrt uns, die Dinge verstehen, aber verstehen heißt in den meisten Fällen durchaus nicht verzeihen. — Alfred von Heden ström hatte eine viel schwierigere Aufgabe zu lösen, als Roepke, denn Rußland ist an sich für uns viel unbekannter und rätselhafter, als unser westlicher Nachbar, und seine innere und äußere Geschichte ist ungleich komplizierter als die Frankreichs, Der Verfasser macht uns mit der inneren Einrichtung des Riesenreiches vertraut und weiht uns in die seltsamen, für uns bisweilen beinahe ganz unverständlichen politischen und sozialen Strömungen ein, ohne welche die äußeren historischen Geschehnisse unverständlich bleiben. — Besondere Aufmerksamkeit verdient das Kapitel über die revolutionäre Bewegung von 1881 bis 1904, welches das richtige Verständnis des Bolschewismus erst ermöglicht, über das Bündnis mit Frankreich, über den japanischen Krieg, sodann die beiden ausführlichen Kapitel „Rußland im Weltkrieg" und „Der Untergang des Reiches 1917". Es sind dies förmliche Monographien, die sich durch die Fülle der Einzelheiten und die lichtvolle Darstellung auszeichnen. — Für die gebildete jüdische Leserwelt haben diese *" beiden Bücher noch aus besonderen Gründen ein hervorragendes Interesse. Das Buch von Roepke behandelt sehr eingehend die Dreyf us-Affäre im. Zusammenhang mit den inneren und 'äußeren politischen Strömungen, die zur Trennung von Staat und Kirche führten, den ganzen Kampf zwischen Klerikalismus und Radikalismus, dessen Anfangsstadien auf dem Rücken des unglücklichen jüdischen Generalstabskapitäns ausgetragen wurden. Dieser Kampf bildet den Ausgangspunkt für den neuen französischen Antisemitismus. Hedenström dagegen gibt eine anschauliche Darstellung der zarischen Politik gegenüber den „Fremdstämmigen", die - mit logischer. Notwendigkeit den'Juden gegenüber zur. Exterminationspolitik führen mußte. Wir lernen die abstruse zarische Judengesetzgebung kennen und in ihren verheeren- Wirkungen begreifen. — Die spezifisch jüdischen Fragen werden in modern-allgemeinen Geschichtswerken selten zusammenhängend und ausführlich behandelt. Darum seien die vorliegenden beiden Bücher dem jüdischen Leser besonders warm empfohlen. Professor Dr. Felix von Lüsen an bietet in seinem Werke „Völker, Rassen, Sprachen" 9) eine treffliche Einführung in die.. wichtigsten Probleme der Völkerkunde und der Anthropologie. Lange vor dem Kriege beschäftigten allerlei Rassenprobleme gebildete und noch mehr halbgebildete Laien und Dilettanten, was an sich ja begreiflich ist, da den Menschen im ganzen System der Natur doch schließlich nichts so sehr interessiert, als eben der Mensch. Schlimm ist nur. daß eben Dilettanten und Halbwisser es unternehmen, über alle diese Fragen auch autoritativ mitzureden, schlecht verstandene, in der Wissenschaft auftauchende Hypothesen aufgreifen und als allgemein anerkannte, unbestrittene Lehren ausgeben und in Umlauf bringen, wodurch viel Verwirrung und Unheil gestiftet wird, da sich derartige Lehren, zu Schlagworten umgemünzt, sehr bequem als Stützen politischer .und wirtschaftlicher Parteitendenzen, verwenden lassen. Um so dankenswerter ist es, daß einmal eine Autorität ersten Ranges es unternimmt, in lichtvoller und gemeinfaßlicher Darstellung uns über die Hauptprobleme der beiden eng miteinander zusammenhängenden Gebiete aufzuklären. Luschan, der seit dem Jahre 1878 in immer steigendem Maße alle Zweige der Anthropologie durch grundlegende Arbeiten bereichert und sich dann als Forschungsreisender in vier Weltteilen, durch Ausgrabungen in Vorderasien und schließlich als Direktor des Berliner Museums für Völkerkunde einen Weltruf erworben hat, ist wie kaum ein zweiter geeignet, hier als Führer zu dienen. In der Einleitung zu seinem vorliegenden Werke orientiert er uns über die allgemeinen Probleme seiner Wissenschaft, die mit den Fragen der Urgeschichte, der Geologie, der Sprachwissenschaft, der Anatomie und Biologie im Zusammenhang stehen. .Dann geht er zur Beschreibung der einzelnen Menschen-Rassen, oder wie er sich lieber ausdrückt: Menschen-,, G r u p p e n", über. Wir erfahren da unter anderem, daß nach dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft die überwiegende Zahl der Forscher von der Einheit des Menschengeschlechts überzeugt ist; die Aufgabe der Wissenschaft ist nur, zu erforschen, unter welchen natürlichen und historischen Einflüssen sich die somatischen, sprachlichen und geistigen Unterschiede herausgebildet haben, die das Menschengeschlecht in eine so große Anzahl von „Gruppen" zerfallen lassen; die zweite gegenwärtig von der Wissenschaft als unbestreitbar anerkannte Tatsache ist, daß es kein noch so primitives Volk gibt, das völlig religionslos wäre; irgendeine Gottesvorstellung und eine Form der Gottesverehrung fehlt nirgends in der Welt. — Die Grundlehren der jetzigen Anthropologie und Völkerkunde faßt Luschan in zehn Thesen zusammen, von denen einige in gedrängter Form hier angeführt' werden mögen. Die gesamte Menschheit besteht nur aus einer einzigen Spezies: Homo sapiens; die trennenden Eigenschaften der sog. Rassen sind im wesentlichen durch klimatische, soziale und andere Faktoren der Umwelt entstanden; es gibt keine an sich minderwertige Rassen; es gibt in jeder Rasse minderwertige Individuen; der Unterschied zwischen den verschiedenen Rassen ist, besonders, was die moralischen Eigenschaften und die Intelligenz anbetrifft, nicht entfernt so groß, wie der zwischen einzelnen Individuen ein und derselben Rasse; Mischlinge sind niemals a priori minderwertig, sie werden 9) Berlin, Wdtverlag, 1922.