Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 23 (1923)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1923)
- Article
- Aufbauende und zerstörende Kräfte in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 41 - 42 (sequence 8)
- Language
- German
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41 Aus der philosophischen Literatur 42 es nur, wenn ihre Eltern individuell minderwertig .sind. (Tout comme chez nous.) Uns interessiert am meisten, was der Verfasser über die Juden sagt; von ihnen handelt er in zwei Kapiteln; dem über Vorderasien (hier genießt man mit besonderer Freude die prächtige Schilderung der täglich zu .beobachtenden „Völkerwanderung" zwischen Galata und Stambul (S. 56—58) und dem über Europa. Anthropologische Messungen, die Luschan an Juden verschiedener Länder vorgenommen, haben die Legende von unveränderlichen Rasseneigenschaften, zerstört. Als eine davon wird allgemein das kleinere Höhenmaß betrachtet. Nun fand Luschan von67spaniolischen Juden, die er auf Rhodos gemessen, bei elf eine Körpergröße von über 180 cm, die mittlere Höhe der ganzen Gruppe erreichte 174 cm. „Mit einer solchen Ziffer gehören die rhodesischen Spaniolen zu den größten Menschen überhaupt (Schotten und Schweden haben eine mittlere Höhe von 175—172), während die mittlere Körperhöhe der männlichen Juden in Südrußland von Weißenberg auf 165 cm ermittelt wurde." Die differierenden Erscheinungen erklären sich damit, daß die Juden in Südrußland von schwerer körperlicher Arbeit in freier Luft ferngehalten worden sind, während ihre Stammesgenossen auf Rhodos seit einigen Jahrhunderten Lastträger sind, den Beruf sogar monopolisiert haben. „Ich kenne wenig Fälle," sagt Luschan, „die besser als dieser erkennen lassen, wie sehr die Körpergröße in verhältnismäßig kurzer Zeit durch unbewußte Auslese beeinflußt werden kann." Der Laie pflegt freilich von einem einheitlichen jüdischen Typus zu sprechen. „Der aber existiert nur in seiner Einbildung und in manchen Büchern, nicht aber in Wirklichkeit. Es gibt Juden mit hellen und mit dunklen Augen, mit schlichtem und mit krausem Haar, mit hohen und schmalen Nasen, mit kurzen und breiten Nasen, und vor allem schwankt ihr Kopfindex zwischen 65 und 98, so sehr, als er nur innerhalb der Spezies Mensch schwanken kann." „So wenig es eine indogermanische oder arische Rasse gibt, so wenig gibt es eine jüdische; es gibt auch keinen jüdischen Typus, sondern einen ganz allgemein orientalischen, an dem genau wie Juden auch Griechen und Armenier . . . beteiligt sind . . ." Jenen, die sich auf einen jüdischen Typus versteifen, rät der Verfasser, „sich einmal an einer religiösen Feier in einer griechischen oder armenischen Kirche zu beteiligen und sich ida die frommen Gläubigen anzusehen; sie werden erstaunt sein, wie viele rein jüdische Typen sie da finden werden, ohne daß. auch nur ein einziger wirklicher Jude in der ganzen Gesellschaft vorhanden wäre". Obwohl Luschan seinen Gegenstand rein wissenschaftlich behandelt und ausschließlich wissenschaftliche Ziele verfolgt, ist sein Buch trotzdem oder gerade deshalb eine ausgezeichnete Waffe gegen die politische Seuche des Rassenantisemitismus, aber zugleich auch ein wirksames Heilmittel gegen den neuerdings in. unseren Reihen sich geltend machenden Rassenhochmut, der als Reaktion gegen die fortwährende Verunglimpfung unserer „Rasse" psychologisch begreiflich, aber darum nicht minder lächerlich und sogar gefährlich ist. — Lehrreich ist gerade jetzt das Kapitel über idie Magyaren zu lesen ... Den Wert des trefflichen Buches erhöhen die zahlreichen prächtigen Abbildungen, die sonst nur in den großen Illustrationswerken zu finden sind. — L e c t o r. AUS DER PHILOSOPHISCHEN LITERATUR Die bedeutendste Erscheinung auf dem Gebiete der Philosophiegeschichte der letzten Jahre ist unstreitig Karl Joels. „Geschiente der antiken Philosophie"1). Gleichwie jeder Italienreisende .sein eigenes Italien in der Seele trägt, so hat jeder Erforscher der antiken, das heißt der griechischen Philosophie sein eigenes philosophisches Hellas in .seinem Geiste. Je bedeutender sein Geist ist, desto bedeutender wird das Spiegelbild sein, welches die unvergleichliche Erscheinung der griechischen Philosophie darin erzeugen wird. Solange es philosophierende Menschen lauf Erden geben wird, das heißt solange die Menschen über den Zusammenhang der Dinge, über das Verhältnis zwischen Mensch und Welt, über den Zusammenhang zwischen den verschiedenen Erscheinungsformen des menschlichen Daseins, den materiellen und den geistigen, nachgrübeln werden, werden sie immer wieder zur Philosophie der Griechen zurückkehren, denn in ihr wurden die wichtigsten und bedeutsamsten Probleme tief durchdacht und zum Teil in vorbildlicher Gestalt formuliert — ebenso wie der religiöse Mensah auf Erden Geist und Herz zum Übermenschlichen, Ewigen erhebend, nach dem Rätsel von Gut und Böse forschend, immer wieder zur hebräischen Bibel zurückkehren wird. In i) Erster Band. Tübingen. J. & B. Mohr (Paul Siebeck) 1921. ,' , j . j j; Hellas, besonders in Ionien, wird die Philosophie und die Wissenschaft stets ihre Urheimat erblicken, gleichwie alle Religion der weißen Rasse ihre Urheimat in Judäa. Und mit immer erneuertem freudigen Staunen und dankbarer Bewunderung nehmen wir wahr, daß unsere Denkmittel uns von den griechischen Denkern herübergereicht wurden, unsere Forschungsmethoden in ihrer Gedankenarbeit wurzeln und die Philosophie und sogar die exakte Wissenschaft der Gegenwart mit ihren Ursprüngen nach Ionien zurückreichen. Nicht nur in der Kunst im umfassendsten Sinne des Wortes, wie man gemeinhin glaubt, sondern mit unserem ganzen Geistesleben sind wir den alten Griechen tief verpflichtet. Wir können uns selbst nicht verstehen, wenn wir sie nicht verstanden haben. Darum wird jedes Zeitalter zu den Griechen zurückkehren, und jedes Zeitalter wird sich ein eigenes Bild von ihnen machen. Das Griechenbild unseres Zeitalters liefert Karl Joeh Für ihn ist die Philosophie, „nicht ein Stoff, sondern ein Leben", die Geschichte der griechischen Philosophie wird ihm so zur Geschichte des griechischen Lebens, des Lebens der griechischen Seele. „Ich glaube an den Zusammenhang alles Geisteslebens, ja alles Lebens überhaupt", bekennt der Verfasser, „und so habe ich mich nur schweren Herzens nach der einleitenden Schilderung der inneren Lebensgemeinschaft, aus der sich die Philosophie herausrangi, in der Darstellung auf die