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Ost und West · 1923-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1923) · p. Seite 37 - 38

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Journal
Ost und West
Volume
23 (1923)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1923)
Article
Aufbauende und zerstörende Kräfte in der jüdischen Geschichte
Date
1923-01-01
Page
Seite 37 - 38 (sequence 6)
Language
German
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37 Aufbauende und zerstörende Kräfie in der jüdischen Geschichte 3S hier zum erstenmal eine Geschichte der Juden in Polen und Rußland, von einem Forscher ersten Ranges geschrieben, die noch dazu den Vorzug hat, bis in die neueste Zeit fortgeführt zu sein. (Oer dritte Band soll bis zum Ausbruch des Weltkrieges reichen.) Rußland wird im Titel wohl nur aus patriotischer Höflichkeit Polen vorangestellt, denn, von der sagenhaften Vergangenheit abgesehen, haben Juden in Polen in großer Zahl gelebt, als es überhaupt noch kein Rußland im modernen Sinne gab. Eine Geschichte der Juden in Rußland gibt es, wie eben aus den lichtvollen Darstellungen des Verfasser erhellt, eigentlich erst seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, vorher gab es bloß Präludien zu einer Geschichte der Juden in Rußland, die ebenfalls aus Pogromen und Austreibungen bestanden. Nun ist Großrußland von der Bildfläche verschwunden, und die sieben Millionen Juden, deren traurige Geschichte durch Großrußland bestimmt wurde, zerfallen wieder in polnische Juden, ukrainische Juden, litauische Juden usw. Im eigentlichen Großrußland lebt ein verhältnismäßig kleines Häuflein von kaum einer halben Million Juden. Man möchte vom Inhalt dieser zwei Bände besonders die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der merkwürdigen Organisation der polnischen Juden der sog. „Vierländersynode" hervorheben, ferner die Geschichte des Frankismus und des Chassidismus. Hier bietet der Verfasser überhaupt zum ersten Male historische Darstellungen, die auf eigenen Forschungen beruhen. Im Gegensatz zu fast allen jüdischen Historikern berücksichtigt Dubnow, wenn auch nicht überall in ausreichendem Maße, das wirtschaftliche Leben, und wir lernen neben den ideellen meist auch die reellen Triebfedern der geschichtlichen Vorgänge kennen. Die Darstellung ist überall meisterhaft. Fast drei. Viertel des ganzen Werkes sind der Geschichte der Juden unter dem Zarismus gewidmet, gleichwohl sind die Grausamkeiten Nikolaus I. nicht erschöpfend geschildert. Man hätte auch eine ausführlichere Schilderung des Einflusses gewünscht, den die russische revolutionäre Bewegung zwischen 1860—80 auf die damalige Generation der Juden ausgeübt hat. Dagegen sind die politischen und wirtschaftlichen Motive, die die Pogrome hervorgerufen haben, sehr anschaulich dargelegt, der Verlauf der Pogromepoche (oder Epochen) ausführlich geschildert, die russische Judengesetzgebung, ihre Motive und ihre Wirkungen meisterhaft analysiert. Ebenso vorzüglich ist das innere geistige Leben der Juden geschildert: die Aufklärung, die „befohlene" sowohl wie die freiwillige, der Widerstand der Volksmassen gegen die erstere, das religiös-orthodoxe Leben, die Haskalah, die aufblühende hebräische Literatur und Poesie. Der Begriff „Assimilation", den der Verfasser sehr häufig anwendet, ist leider nicht genügend herausgearbeitet. Bald scheint er darunter die Hingabe des Juden an die Staatsidee der Nation, unter der er lebte, zu verstehen, und so erscheinen der streng orthodoxe altfränkische Rabbiner M e i s e 1 s und sein Kollege A s c h k e - nasi, ersterer in Warschau, letzterer in Lub 1 in, die beide im Jahre 1862/3 eifrige Anhänger der polnischen Freiheitsbewegung gegen Rußland waren, als „Assimilatoren", was immer eine anstößige Bedeutung hat. Bald wiederum scheint er unter Assimilation das völlige Aufgehen der Juden in ihrer nichtjüdischen Umgebung zu verstehen. Ausführlich und äußerst lehrreich sind die Schilderungen des Widerhalls, die die Pogrome der achtziger Jahre in Frankreich und besonders in England in den diplomatischen Kreisen gefunden haben; besonders lehrreich im Vergleich mit dem Verhalten derselben Kreise in den späteren Jahren derselben Erscheinung gegenüber. Das Urteil, daß der Kolonisationsplan des Baron Hirsch einen „Zusammenbruch" erlitten habe, ist unzutreffend, angesichts der Tatsache, daß die Ica in Argentinien beinahe ein ganzes jüdisches Farmervolk angesiedelt hat. Fast ebenso erfolgreich ist die palästinensische Siedlungsarbeit gewesen. Der „spiritual Zionism", den Dubnow allein anzuerkennen scheint, ist nicht genügend definiert. Hoffentlich erhalten wir nähere Aufklärung im dritten Bande. Alles in allem haben wir hier vor uns wohl das bedeutendste Werk unserer neueren Geschieh tsliter a t u r. Fritz Roepke: „Von Gambetta bis Clemenceau." Fünfzig Jahre französischer - Politik und Geschichte. Alfred von H e d e n s t r ö m. „Geschichte Rußlands von 1878 bis 1918"8). Man sagt, die Völker lernen nichts aus der Geschichte; eher müßte man es beklagen, daß die Völker nicht Geschichte lernen. Der durchschnittlich Gebildete ist gewöhnlich in der Geschichte des Altertums und überhaupt in der Geschichte vergangener Jahrhunderte besser bewandert, als in der Geschichte der neuesten Zeit, die unserer Epoche unmittelbar vorangegangen ist und die Wurzeln aller 'unserer Leiden enthält. Man hat eine unklare Vorstellung von den Vorgängen im allgemeinen, erinnert sich einiger Namen und Ereignisse, aber den pragmatischen Hergang der Dinge, die Aufeinanderfolge von Ursache und Wirkung hat man längst verschwitzt. Diese Unkenntnis rächt sich an der Allgemeinheit und sehr oft auch am Schicksal des einzelnen. Die Ursache dieses beklagenswerten Mangels besteht nicht zum geringsten Teil in dem Mangel an gediegenen Geschichtsbüchern über die neueste Zeit. Wir besitzen hierüber entweder vielbändige, umfangreiche Wälzer, die nur für den Fachmann bestimmt sind und deren Lektüre unendlich viel Zeit in Anspruch nimmt, oder aber flüchtige, im Zeitungsstil geschriebene Broschüren, die gewisse Tendenzen des Augenblicks verfolgen und weit entfernt sind von geschichtlicher Objektivität und Zuverlässigkeit. Die gelehrten Historiker versichern, sie müßten zu einer Epoche die nötige Distanz gewinnen, um über sie gründlich und zugleich gemeinfaßlich schreiben zu können. Das muß ziemlich lange dauern, unsere Wißbegierde kann nicht so lange warten. Es ist daher mit lebhaftem Dank zu begrüßen, daß die Verfasser der beiden obengenannten Bücher es unternommen haben, die Geschichte des letzten halben Jahrhunderts uns von ihren beiden Seiten, der westlichen und der östlichen, zu zeigen. Beide Bücher vereinen in sich Gediegenheit der Forschung, die überall auf die ersten Quellen zurückgeht, Sachlichkeit, Gerechtigkeit und Reife des Urteils mit anmutiger, fesselnder und lebhafter Darstellung: Roepkes „Von Gambette bis Clemenceau" zeigt die ununterbrochene Entwicklungslinie, welche von 8) Beide Bücher erschienen bei der Deutschen Verlagsanstalt, Stuttgart und Berlin, 1922.

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