Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 23 (1923)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1923)
- Article
- Aufbauende und zerstörende Kräfte in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 35 - 36 (sequence 5)
- Language
- German
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35 Aufbauende und zerstörende Kräfte in der jüdischen Geschichte 36 Ziel und unsere Heimat. Er ist unsere Hoffnung und unser Stern." Für die rein mensch liehe Seite des religiösen Lebens liefert die griechische Gedankenwelt ebenso viele Stützen. „Wir wollen in diesem Geiste vorwärtsschreiten. Kraft und Begeisterung schöpfend in Athen und Jerusalem." — Man möchte wünschen, daß Montefiore die angefangene Aufgabe in großem Stil zu Ende führe. * * * Mit einer andern Art von Zusammenhang zwischen Griechentum und Judentum befaßt sich Norman Bentwich in seiner prächtigen Monographie „Hellenism" 5). Der Verfasser hat sich in der Gelehrtenwelt besonders durch sein Buch über Philo als gründlicher Kenner des jüdischen' Alexandrinismus bekanntgemacht. „Der Titel des vorliegenden Buchs sollte eher lauten H e 11 e n i s t i - cism — wenn man dieses Wort prägen dürfte —" sagt der Verfasser, „denn es befaßt sich nicht mit der glänzenden Kultur des klassischen Hellas, sondern mit deren minderwertiger Ausgabe, die sich während der letzten drei vorchristlichen Jahrhunderte über die ganze östliche Welt ausbreitete. Das jüdische Volk sowohl in Palästina als in der Diaspora war in ununterbrochener Berührung mh dem hellenistischen Einfluß, welcher jeden Anblick ihres Gedankenlebens färbte." So anziehend auch dieses degenerierte Griechentum auf die Juden wirkte, mußte sich doch der beste Teil ihres geistigen Wesens dagegen wehren. Daher ist die Geschichte dieser ganzen Epoche ein innerer und äußerer Kampf mit und um den griechischen Einfluß, „Wären die Juden dem Hellenentum auf dessen eigenem Boden und in dessen Blütezeit begegnet, es wäre eine wahre Harmonie zwischen diesen beiden Mächten entstanden, und eine Kultur wäre erblüht, glänzender und vollständiger, als sie die Welt je gesehen. Allein die Vorsehung hat nicht auf diesem Wege das Schicksal der Völker gelenkt, und der Hellenismus., mit dem die Juden zusammenprallten, war auf einen fremden Boden verpflanzt worden und dadurch degeneriert." Es sei hier auf die Studien verwiesen, die unter dem Titel „Hebräis ch" in den ersten Heften von „Ost und West" 1918 erschienen sind, in denen derselbe Gedanke näher ausgeführt wird. Auch in dem Urteil über den Gesamtwert der hellenistisch-jüdischen Literatur und ihr Verhältnis zur hebräischen Literatur in Palästina, über Philo und seine Leistung, über die historische Rolle der Septuaginta stimmen die beiden Autoren auf eine merkwürdige Weise überein, ohne daß von irgendeiner gegenseitigen Beeinflussung die Rede sein kann. Bentwich hat, wie aus der Vorrede hervorgeht, sein Werk im Manuskript zu London, September 1915, abgeschlossen; im Druck erschien es 1919. Die Artikel im „Ost und West" erschienen Januar- März 1918 und waren im Herbst 1917 geschrieben. — Bentwich schildert die Entstehung und Ausbreitung des Hellenismus infolge der Eroberungszüge Alexanders des Großen, die langsame Degeneration der klassischen hellenischen Kultur, deren ■tiefste Inhalte verflachen, sich verflüchtigen und deren hohe Philosophie unter dem Einfluß asiatischen Aberglaubens sich zersetzt und verflüchtigt, in einen phantastischen Materialismus ausartet. Die hohe, von den griechischen Denkern gelehrte 5) Philadelphia. The Jewish Publication Society of America, 1919. Ethik, die auch in der Heimat ja nie zum Erbteil der Massen geworden war, hatte unter den orientalischen Völkern gar keine Bedeutung. Nur die äußerliche Seite des griechischen Wesens breitete sich aus und bewirkte jene Oberflächenkultur der Gräkosyrer, die große Ähnlichkeit mit der französischen Kultur hat, von der heutzutage die Rumänen und die Levantiner beleckt sind. Solche Pseudokulturen übernehmen nur die Laster, nicht aber die Vorzüge des Originals. Wie das jüdische Volk mit diesen disparaten Elementen jahrhundertelang gerungen hat, indem es die gesunden sich amalgamierte und die ungesunden ausschied oder fernhielt, wie es ihm gelungen ist, sein innerstes Wesen unversehrt zu erhalten und für seine Religion noch Anhänger zu werben, wie diese Arbeit später von dem neuentstandenen Christentum durch weitgehende Konzessionen vereitelt und deren Früchte eingeheimst wurden, wie dann die junge Kirche dem Judentum den Krieg erklärte, das bildet den Gegenstand des ebenso geistvollen wie gründlichen Buches. In seinem Buch „Studies in Pharisaism and the Gospels", First Series6^ bietet J. Abrahams eine Reihe höchst wertvoller Studien über die Quellen des Neuen Testamentes. Jüdische Forscher haben sich bisher viel, zu wenig mit dem Ursprung des Christentums und der Evangelien befaßt. Montefiore war der erste, der vor zwölf Jahren, einen Kommentar zu d^n synoptischen Evangelien herausgegeben, der in England großes Aufsehen machte, bei uns dagegen zwar beinahe ganz unbekannt blieb, dafür aber gründlich verkannt wurde. J. Abrahams sollte zu diesem Kommentar einen ergänzenden Band mit Studien über einzelne Punkte liefern. Hier haben wir den ersten Teil davon. In 21 Kapiteln behandelt der Verfasser einige der wichtigsten Vorstellungen und Lehren der Evangelien und weist ihre .Quellen und Paralellen in der rabbinischen Literatur nach. Mit allseitiger, gründlicher Gelehrsamkeit, großem Scharfsinn und feinem psychologischen Verständnis wird der Sabbat, die Ehe und die Scheidung, das „Größte Gebot", die Vergebung von selten Gottes und des Menschen dargelegt. Mehrere neutestamentliche Begriffe und Vorstellungen erfahren eine neue und merkwürdige Beleuchtung, und wir lernen ihre rechte Bedeutung kennen. Nicht nur auf die Evangelien, sondern auf die Lehren der Pharisäer und die Persönlichkeiten ihrer Meister fallen bedeutsame Lichter. Allen Lesern von Harnacks „Wesen des Christentums" und Schürers „Geschichte des jüdischen Volkes" sei das Studium des vorliegenden Buches warm empfohlen. Ohne apologetisch oder polemisch sein zu wollen, bietet es eine wohltuende Ergänzung des, milde gesagt, einseitigen Bildes, welches diese beiden Gelehrten, aus zweiter Hand, vom pharisäischen Judentum entwerfen. Sobald die zweite Serie, welche noch interessantere Grundfragen behandeln soll, erschienen ist, wird man auf das Buch ausführlich zurückkommen müssen. * * * Von D Libnows „History of the Jews in Russia and Poland" 7^ liegen die ersten zwei Bände vor, die bis zum Jahre 1894 reichen. Wir haben 6) Cambridge. University Press 1917. 7) Philadelphia. The Jewish Publication Society of America, 1918. Die Übersetzung aus dem Russischen hat J. .Friedländer besorgt.