Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 23 (1923)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1923)
- Article
- Aufbauende und zerstörende Kräfte in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 33 - 34 (sequence 4)
- Language
- German
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33 Aufbauende und zerstörende Kräfte in der jüdischen Geschichte 34 Die stärksten, am tiefsten eingreifenden Wirkungen, die das Judentum im Verlaufe seiner mehrtausendjährigen Geschichte' erlebt und erlitten hat, gingen von H e 11 a s aus. Eine gesonderte Untersuchung der Verwandtschaft und der Unterschiede zwischen Judaismus und Hellenismus ist eine längst fühlbare Forderung der jüdischen Geschichtsschreibung. Unter den jetzt lebenden jüdischen Gelehrten ist C. G. Montefiore in London wohl der Berufenste, sich einer solchen Aufgabe zu unterziehen. (Vor einem halben Jahrhundert war es Jakob Bernays, der aber diese Aufgabe nicht unternahm.) Montefiore verfügt nicht nur über eine erstaunlich ausgebreitete und tiefe Kenntnis der beiden Kulturgebiete, sondern sein Geist hat die nötige Feinheit und Geschmeidigkeit des Verständnisses und der Empfänglichkeit, daß er beide in ihrem innersten Wesen begreifen und wie ein Zeitgenosse der antiken Völker miterleben und mitempfinden kann, und zugleich als moderner Mensch, ausgerüstet mit der ganzen Kultur seiner Zeit, über beiden steht, ihre Grenzen kennt und beide gegeneinander abzuwiegen vermag. Montefiore ist nicht nur ein großer Gelehrter, sondern ein tiefer und subtiler religionsphilosophischer und religionshistorischer Denker, kühn und unerschrocken in seinen Ideen, maßvoll in seinen Urteilen. Überdies ist er eine tiefreligiöse Natur, der die Fragen der Religion nicht bloß Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung und philosophischer Spekulation, sondern Sache des Herzens und des Gewissens sind. In anderem Zusammenhange soll versucht werden, ein Bild dieses Mannes, seiner Leistungen und seiner Weltanschauung zu bieten. Hier soll nur auf eines seiner neuesten Bücher „Liberal Judaism and Hellenism and other Essays"d, hingewiesen werden. Der Essay, der dem ganzen Band den Namen gibt, ist der bedeutsamste und interessanteste. Montefiore versucht, die im griechischen Gedanken enthaltenen ethischen und religiösen Werte zusammenzufassen, die den jüdischen verwandt oder analog sind und uns somit als Ergänzungen und Stützen unserer ethisch-religiösen Lehren dienen können. „Es ist von Interesse und hohem Wert, sogar von praktischer Bedeutung, gewisse ewige Wahrheiten und noble Gedanken, die uns von der Bibel her vertraut sind, in einer andern, nicht weniger fesselnden Form von griechischen Denkern ausgedrückt zu finden. Der in griechisches Gewand gekleidete Gedanke stärkt und erhellt denselben Gedanken, den wir in hebräischen Worten überkommen haben." Gedanke und Form bilden eine Einheit. Die beiden Einheiten können sich nicht vollständig decken, aber jede von beiden stärkt und vertieft die andere. Natürlich muß es eine Verwandtschaft zwischen zwei Reihen von religiösen Ideen geben, damit eine von der andern Nutzen ziehen könne. Und eben „der griechische religiöse Gedanke in manchen seiner edlen Formen und Phasen ist vom jüdischen Gedanken und von der jüdischen Lehre nicht so weit entfernt, daß letztere nicht imstande wäre, gewisse Elemente der ersteren zu absorbieren und zu ihrer eigenen Erbauung und Bereicherung zu assimilieren". Es sind vornehmlich Plato, Aristoteles und die Stoiker Seneca, Marcus Aurelius und Epiktef, deren Gedankenwelt Montefiore mit der Bibel und den Propheten in Parallele bringt. Abgesehen von der großen Synthese jüdischer und 4) Macmillan and Comp., London 1918. griechischer Gedanken, die in der vorchristlichen Epoche stattgefunden hat, deren Frucht u. a. die „Weisheit Salomonis" war, deren Ergebnisse aber vom Christentum übernommen wurden, welches, sich des Werkes der jüdischen Pioniere für seine Zwecke bediente — „kamen der jüdische und der griechische Gedanke noch einmal zusammen in jener Epoche, die durch den großen Namen des Maimonides berühmt wurde. Der Einfluß dieses Versuchs einer Synthese war enorm und wirkt bis auf den heutigen Tag nach . . . Aber die heutige Zeit braucht mehr und etwas anderes". „In der" abendländischen Welt kann - keine Religion existieren, die nicht mit der Philosophie ihre Rechnung gemacht hat, und Philosophie im abendländischen Sinne ist eine Schöpfung von Hellas." Montefiore läßt eine Reihe von Fragen Revue passieren, in betreff derer die großen griechischen Denker sich mit den Propheten Israels in merkwürdiger Weise begegnen. Da ist zunächst die Hochschätzung der Vernunft als Triebkraft der religiösen Entwicklung — ein Punkt, in dem Griechentum und Judentum gerade zu differieren scheinen. Die Bibel verherrlicht die Weisheit in hohem Grade, und die Rabbinen haben im Achtzehngebet besondere Eulogien für den Schöpfer und Spender der Vernunft und der Erkenntnis festgesetzt. Betreffend einige der wichtigsten Grundfragen der Lebensanschauung, wie die Wertschätzung des irdischen Daseins, des Lebensgenusses, betreffend das Verhältnis der guten Tat zu dem erhofften Lohn, den Wert der irdischen Güter im Vergleich zu den geistigen und seelischen Besitztümern, kommen die griechischen Denker, wenn auch von andern Punkten ausgehend, den. jüdischen Weisen merkwürdig nahe; oft bieten sie dieselbe Ansicht, nur von verschiedenen Seiten, und ergänzen sich aufs glücklichste. — Man versteht, daß die mittelalterlichen Juden diese große Verwandtschaft sich nur so erklären konnten, daß sie die griechischen Philosophen zu Schülern der Propheten Israels machten. — Montefiore sagt: „Wer die besten Gedanken von Judäa und Hellas in sich aufgenommen, ist für den Lebenskampf gut ausgerüstet." Freilich, „das Kostbarste unserer geistigen Besitztümer kommt aus Judäa. Die Lehre von der menschlichen .Vervollkommnung und einem' messianischen Zeitalter ist den Griechen überhaupt kaum bekannt gewesen . . . Schwach und ungleichmäßig ist die griechische Lehre von der persönlichen Unsterblichkeit. Vor allem, . die Lehre vom himmlischen Vater, der alles kennt und beherrscht mit liebender Fürsorge, dem jede Menschenseele nahen kann, dieser Theismus wurde nie zur festen Lehre in Fiellas noch in irgendeiner griechischen Philosophenschule. Von allen Stoikern kommt Seneca ihm am nächsten, aber erreicht, klar und leuchtend, allgemein und verbreitet gemacht konnte er weder durch die stoische noch durch eine andere philosophische Schule werden". .. „Der liebende Gott, transzendent und doch dem Menschen nahe, der Geist der Welt, doch über der Welt schwebend, Schöpfer und Freund des Menschen, Quelle des menschlichen Geistes und der menschlichen Gerechtigkeit — dieser' Gott kam zu uns nicht von Athen, sondern von Jerusalem. Von Zion ist er ausgegangen. Und Von Zion fließen unsere tiefsten Tröstungen und unsere stärksten Antriebe. Es ist der Gott des Judentums, der uns in seinen Dienst zwingt. Er ist unsere Festung und unsere Zuflucht. Er beseelt und stärkt uns. Er ist unser