Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 23 (1923)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1923)
- Article
- Aufbauende und zerstörende Kräfte in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 31 - 32 (sequence 3)
- Language
- German
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31 Aufbauende und zerstörende Kräfte, in der jüdischen Geschichte 3? der menschlichen Psyche; sie läßt sich' aus dem Seelenleben ebenso wenig hinwegdenken, wie die Poesie, die Musik, die bildende Kunst. Einzelne Menschen oder auch ganze Zeitalter mögen die Religion überhaupt abweisen und „sich auf die objektive Beobachtung und die gedankehmäßige Erforschung Ides Kosmos zurückziehen, wie sie die Griechen gelehrt". Aber immer. wieder wird über kurz oder lang an den Menschen „die Frage nach dem Verhältnis des Menschen zur Welt" herantreten — und jede Antwort auf diese Frage ist Religion. Dann gibt es aber „nur zwei bestimmende Grundformen der Religion: die israelitische und die buddhistische". Die erstere heißt dieses Verhältnis zur Welt durch den Willen und die Tat sittlich bejahen, sie zeigt in der Welt den Acker, die Lebensaufgabe; die letztere stellt als Ziel hin, sie zu verneinen, in der iWillenlosen; Betrachtung nur an sich selbst hingegeben zu sein. Diese ist der Ausdruck des Gebotes, zu wirken und zu schaffen, jene der des. Ruhebedürfnisses. Diese leitet zu .dem Wunsche, für die Geltung Gottes zu arbeiten, das. Reich Gottes, in dem alle sich finden sollen, aufzubauen, jene zu dem Verlangen, in idas. „Eine", das. Nichts zu versinken und darin dem Ich seine Errettung und sein Heil zu gewinnen. Diese will die Welt mit Gott versöhnen, jene will uns von der Welt erlösen. Die eine ist die Religion des Altruismus, da sie das Streben nach Vollkommenheit dem "Menschen zuspricht, der seinen Weg zu Gott gefunden hat, indem er den Menschenbruder sucht, durch Gerechtigkeit und Liebe gegen ihn Gott dient. Die andere •ist die Religion des Egoismus, da sie die Vollkommenheit dem Menschen beimißt, der von den Menschen fortgegangen ist, um den ausschließlichen Weg zu sich zu entdecken, und in sich selber zu bleiben. Zwischen diesen beiden Formen der Religion gilt es zu entscheiden; die eine oder die andere ist „religiöse Offenbarung". Die Kulturmenschheit hat entschieden, indem sie die israelitische zur Grundlage ihres religiösen Lebens machte. Verschieden und weitab voneinander winden sich die Straßen der Völker durch die Weltgeschichte, aber gleichwie sie von demselben Punkt ausgehen, so führen sie am letzten Ende zu derselben Grundwahrheit zurück. Das ist das Wesen des jüdischen Universal ismus. Aus der Eigenart der israelitischen Religion, die nicht „ein Erlöschen der Welt, einen Auszug aus ihr, einen . Auszug aus dem Menschen", sondern „die Gestaltung der Welt, die Erneuerung des Menschen" verlangt, ergibt sich der jüdische Glaube an den Menschen: „der Glaube an uns, der Glaube an den Nebenmenschen, der Glaube an die Menschheit". Mit dem religiösen Begriff Mensch ist zugleich der Begriff Nebenmensch gegeben. „Das Judentum hat den Mitmenschen geschaffen und damit auch den Begriff der Humanität in ihrem wahren Sinne." „Er wie ich ist begriffen, nur wenn er wie ich als Ebenbild Gottes, als der Mensch Gottes verstanden ist." „Es gibt hier keinen Menschen ohne den Mitmenschen, keinen Glauben an Gott, ohne den Glauben an ihn wie an mich. Er ist der andere, aber der Bund Gottes mit mir ist zugleich der Bund Gottes mit ihm, der Bund darum, weil er mich mit ihm zusammenfügt." Das biblische Gebot: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst", bedeutet in der ganzen Treue des Sinnes: „Liebe deinen Nächsten; er ist wie du." In diesem „wie du" liegt der ganze Gehalt desi Satzes. Die Gestaltungskraft dieser Gedanken vom Menschenrecht hat sich ausgewirkt in den positiven» Satzungen der religiösen Pflichtenlehre gegenüber dem Fremdling. „Du sollst den Fremdling, lieben, wie dich selbst", und auch hier besagt das Wort in der ganzen Intimität seines Sinnes: „er ist wie du." Und um diesem „wie du" die ganze persönliche Beziehung zu geben, wurde das Schicksal des Fremdlings mit dem eigensten israelitischen Geschick verknüpft. Die Bibel motiviert ihr Gebot: „denn Fremdlinge seid ihr gewesen im Lande Ägypten". „Ihr sollt kennen die Seele des Fremdlings", sollt wissen, verstehen, nachfühlen, was in seiner Seele vorgeht, wie ihm zumute ist. In der Pflicht gegen den Fremdling ist die unbedingte Menschenpflicht am bestimmtesten erfaßt worden. „Der Fremdling hat die Humanität gelehrt, an ihm ist der Mensch als Glied der Menschheit immer wieder erkannt und aufgedeckt worden. „Daraus, erwuchs ein politischer Begriff, der der Noachiden, durch den Sittengebot und sittliche Ebenbürtigkeit in ihrer Unabhängigkeit, von allen natiolen und konfessionellen Grenzen auch rechtlich dargetan werden." Ein N o a c h i d e (ben No a c h)- ist jeder im Lande, wess'. Glaubens . und wess' Volkes er sei, der die elementarsten Pflichten übt, die sich aus der Menschlichkeit und der Landeszugehörigkeit ergeben. Und jeder Noachide, so ist die Satzung, hat nicht nur Duldung, sondern Anerkennung zu beanspruchen; er ist rechtlich jedem Staatsbürger gleichgestellt; er ist „unser Fremdling". Hiermit ist der staatliche Rechtsgedanke emanzipiert, aus aller politischen und kirchlichen Verengung herausgehoben und auf den rein menschlichen Boden gestellt. „Ein Grundbegriff des Naturrechtes ist damit gewonnen, und die großen Forscher des 17. Jahrhunderts, die dem Völkerrecht neue Erkenntnis schufen, Hugo G r o t i u s und J o h n S e 1 d e n haben voller Bewunderung von ihm, dem Fremdling, aus dem Tal m u d erfahren und ihn dankbar in ihre Systeme aufgenommen. In ihrem Natur- und Völkerrecht nimmt er einen wichtigen Platz ein." Der Frage nach der Erhaltungdes Judentums widmet der Verfasser den ausführlichen letzten Abschnitt des Buches. Nach einer tiefschürfenden Analyse der Kräfte, die das Judentum durch die Jahrtausende getragen, kommt er zu der Auffassung, daß die Judenheit die Idee der Gemeinde verkörpere, das sittliche Prinzip der Minderheit zum Ausdruck bringe. Wir haben hier ein würdiges Gegenstück zu der meisterhaften Psychologie der Minderheit, die Felix Goldmann in seinem „Wesen des Antisemitismus" bietet. „Schon durch sein Dasein ist das Judentum ein nie verstummender Protest dagegen, daß die Menge mehr sein will, als das Recht, daß die Gewalt Herrscherin sein will über die Wahrheit, daß in dem Kampf zwischen dem Geist und den Nützlichkeiten der Nutzen das letzte Wort sprechen will." Das Werk Baecks ist eines von denen, die man lesen und wieder lesen wird, schon allein um des wunderbar vornehmen Stils willen, der schlicht, knapp und ehern ist, von einer inneren Leuchtkraft durchglüht, die bekundet, daß der Verfasser aus tiefen Erlebnissen heraus zu uns spricht; das Buch wird der in schweren seelischen Kämpfen nach einer ausgeglichenen, hoffnungsfrohen Weltanschauung ringenden Generation zum Führer werden» * *